Jahr für Jahr wiederholte sich für den Buddha und seine Bhikkhus der Wechsel zwischen einer Zeit des Wanderns und einer Zeit der Ruhe und Zurückgezogenheit.

 

Kann im heimatlosen Wanderleben des Buddha von einer Heimat die Rede sein, so dürfen vor allem Stätten wie das Veluvana und das Jetavana so genannt werden, nahe den großen Zentren des indischen Lebens und doch vom Getriebe der Großstädte unberührt, einst die stillen Ruheorte von Herrschern und Vornehmen, ehe die Bhikkhus darin einzogen und die "Gemeinde der vier Weltgegenden, Anwesende und Abwesende" zur Herrin des königlichen Besitzes geworden ist. In diesen Gärten lagen die Wohnstätten, Häuser, Hallen, Säle, Vorratsräume, umgeben von Lotusteichen, von duftenden Mangos, von zierlichen hoch über alles andere Laub sich erhebende Fächerpalmen und von dem tiefen Grün des Nyagrodhabaumes, dessen aus der Luft sich herabsenkende Wurzeln zu neuen Stämmen werden und mit ihren schattig kühlen Hallen und Laubgängen zum sinnenden Ruhen einzuladen scheinen.

Dies waren die Umgebungen, in denen der Buddha einen großen Teil seines Lebens, vielleicht die an Wirken und Schaffen reichsten Zeiten zugebracht hat. Hier pflegte er zu sitzen und reden, während ein Jünger fächelnd hinter ihm stand. Hier strömten Massen des Volkes zusammen, Bhikkhus wie Laien, um ihn zu sehen. Es kamen pilgernde Mönche aus entfernten Gegenden, die seine Lehre gehört hatten und, wenn die Regenzeit vergangen war, sich auf die Wanderung machten, um den Meister von Angesicht zu sehen. "Es ist Sitte", lautet ein stehender Passus der Texte, "dass Mönche, wenn sie die Regenzeit gehalten haben, sich aufmachen, den Erhabenen zu sehen. Es ist Sitte der erhabenen Buddhas, sich mit den Mönchen, die aus der Ferne kommen, zu begrüßen. "Geht es euch wohl, ihr Mönche?" fragt dann der Buddha die Kommenden, "findet ihr zu leben? Habt ihr in Frieden und Eintracht und ohne Steit die Regenzeit wohl zugebracht und keinen Mangel an Unterhalt gelitten?"

So hören wir von einem Asketen namens Sona, der fern von den Gegenden, in denen der Buddha lebte, im Land Avanti die Kunde von der neuen Lehre vernommen hatte und unter ihren Bekennern aufgenommen zu werden wünschte. Drei Jahre lang hatte er warten müssen, bis es ihm gelungen war, in diesem entfernten Land die zehn Mönche zusammenzubringen, deren Anwesenheit erforderlich war, um einem neu eintretenden zum Bhikkhu anzunehmen. Da erwachte in ihm, als er in der Einsamkeit weilte, der Gedanke: "Ich habe wohl vom Erhabenen gehört, so und so ist er, aber ich habe ihn nicht von Angesicht gesehen. Ich will gehen und ihn schauen, den erhabenen, heiligen, höchsten Buddha, wenn mein Lehrer mich gehen lässt." Und sein Lehrer entsprach diesem Wunsch.  "Schön, schön, Sona, gehe hin, um ihn zu schauen, den erhabenen, heiligen, höchsten Buddha. Du wirst ihn schauen, Sona." Und Sona machte sich auf die Reise nach Savatthi, den Meister im Jetavana, dem Garten des Anathapindika, aufzusuchen.

Solche Pilger strömten, wo Buddha weilte, zusammen. Und über den Eindruck des Ordens auf die Menschen lesen wir im Majjhima Nikaya 77, wie der Pilger Sakuladayi sagt: "Dieser Asket Gotamo ist ein Ordenshaupt mit einer großen Gemeinde, Lehrer von vielen, ein berühmter Gemeinschaftsgründer, von vielen Menschen hoch verehrt; der wird aber von den Nachfolgern wirklich geachtet, ernstgenommen, hoch geschätzt, verehrt. Und seine Nachfolger sind voll Achtung und Verehrung. Einmal hat der Asket Gotamo einer vielhundertköpfigen Schar die Lehre dargelegt. Da räusperte sich einer seiner Jünger. Einer seiner Ordensbrüder berührte ihn mit dem Knie: 'Still, Lieber; mach kein Geräusch; der Meister, der Erhabene legt uns die Lehre dar.' Wenn der Asket Gotamo einer Schar von einigen Hundert die Lehre darlegt, dann hört man von den Jüngern des Asketen Gotamo nicht einmal das Geräusch eines Niesens oder Räusperns. Die ganze Versammlung blickt erwartungsvoll zu ihm auf: Was der Erhabene uns an Wahrheit sagen wird, dem wollen wir lauschen. Selbst jene Jünger des Asketen Gotamo, die sich den Ordensbrüdern angeschlossen hatten, später aber die Askese aufgegeben haben und zum Weltleben zurückgekehrt sind, auch die künden das Lob des Meisters, künden das Lob der Lehre, künden das Lob des Ordens, tadeln sich selber, tadeln nicht andere. Und sie leben in einem Ashram oder leben im Haus als Anhänger oder haben für ihr Leben die fünf Grundtugenden auf sich genommen."

Die Gesundheitspflege im Orden war gut. Im Gegensatz zu vielen selbstquälerischen Schulen seiner Zeit hat der Erwachte es als einen Bestandteil der mittleren Vorgehensweise zur Erlösung angesehen, bei Krankheiten Arznei und Pflege zu gewähren und anzunehmen, und er hat auch selbst wiederholt davon Gebrauch gemacht. Berichte über seinen Leibarzt Jivako  (der zuvor Leibarzt des Königs Ajatasattu gewesen war) und dessen Heilmethoden sind sehr farbig und bieten auch medizinische Informationen. Diese Berichte verdeutlichen auch die Sicht des Erwachten auf die drei Weisen der Heilung von Krankheiten, die unzulängliche, die voreilige und die ausgereifte Weise. Mit dem Streben nach Heilung des wahnkranken Herzens und Gemüts durch die Lehre des Buddha verbindet sich oft eine durchaus hilfreiche Offenheit für geistige und gemütsmäßige Krankheitsursachen und geistige Heilverfahren. Manchmal verbindet sich damit aber - auch in Buddhistenkreisen - eine starke Schwerpunktbildung, bei bis in die Esoterik reichenden Versuchen, der karmischen Lebenstatsache "Alter und Krankheit" gleichsam durch Zaubermacht entgehen zu können. Um hier das rechte Maß zu finden, ist es aufschlußreich, zu beachten: Der Erwachte hat zwar selbst in Einzelfällen Geistheilungen vollbracht. Aber er hat keineswegs, wie manche erwarten mögen, seinen Mönchen gesagt, bei Krankheit sollten sie sich schnellstens einen Geistheiler besorgen, sondern dem durch karmisches Wirken in das Erleben "Fleischkörper" Hineingeborenen hat er die immer wieder genannten seit alters bewährten Hausmittel empfohlen und hat sie auch am eigenen Leibe angewandt, wenn er krank war. Es galt der alte Satz: "Geduld ist höchste Selbstzucht".

Der Ruf von Buddhas Person zog auch Scharen von solchen, die außerhalb des engeren Kreises der Gemeinde standen, von nah und fern herbei. "Zum Asketen Gotama", sagte man untereinander, "kommen die Leute durch Königreiche und durch Länder gezogen, um sich mit ihm zu befragen". Oft, wenn er in der Nähe der königlichen Residenzen verweilte, kamen die Könige, Prinzen und Würdenträger zu Wagen oder auf Elefanten zu ihm heraus, um ihm Fragen vorzulegen oder seine Lehre zu hören. Eine solche Szene ist in Majjhima Nikaya 2 beschrieben. Das Sutta erzählt, wie König Ajatasattu von Maghada in der Lotusnacht, das ist in der Vollmondnacht des Oktober, der Zeit des blühenden Lotus, im Freien, auf dem platten Dach des Palastes saß, von seinen Räten umgeben. "Da tat", heißt es in jenem Text, "der König von Magadha, Ajatasattu, der Sohn der Vedehi, diesen Ausruf: Schön fürwahr ist diese Mondnacht, lieblich fürwahr ist diese Mondnacht, herrlich fürwahr ist diese Mondnacht, herzerfreuend fürwahr ist diese Mondnacht, günstige Zeichen fürwahr trägt diese Mondnacht. Welchen Samana oder welchen Brahmanen soll ich gehen zu hören, dass, wenn ich ihn höre, meine Seele erfreut werde?"Der eine der Räte nannte diesen, der andere jenen Lehrer; Jivaka aber, des Königs Arzt (s.o.) saß schweigend da. Da fragte ihn der König direkt und darauf sagte er: " In meinem Mangogarten, o Herr, weilt der erhabenen, heilige, höchste Buddha mit einer großen Schar von Jüngern, mit zwölf und einem halben Hundert von Mönchen. Von ihm, dem erhabenen Gotama, geht herrlicher Preis durch die Welt.

Und der König ließ für sich und die Königinnen Elefanten bereicht machen, und bei Faackelschein zog der königliche Zug durch die Mondnacht aus dem Tor von Rajagaha hinaus zum Mangowald des Jivaka; dort hat Buddha mit dem König das berühmte Gespräch "von der Frucht des Asketentums" gehalten, an dessem Ende der König sich als Laienjünger der Gemeinde Buddhas bekannte.

Die Bilder, welche die heiligen Texte von Szenen wie dieser erhalten haben, sind überaus mannigfaltig; kein Zweifel, dass sich das Treiben, wie es sich um Buddhas Person bewegt, in ihnen tatsächlich widerspiegelt. Wenn Buddha zu den Freistädten kommt, pflegt von seinen Begegnungen mit den adligen Geschlechtern die die Herrschaft inne haben, die Rede zu sein. Aus der glänzendsten der indischen Freistädte, dem üppig reichen Vesali, kommt die vornehme Jugend vom Haus der Liccavi mit ihren prächtigen Gespannen zu Buddha herausgefahren, die einen in weißen Kleidern und mit weißem Schmuck, die anderen gelb, schwarz, rot. Buddha sagt zu seinen Jüngern, als er die Liccavi von weitem kommen sieht: "Wer, ihr Jünger, unter euch die Götter der Dreiunddreißig nicht gesehen hat, der sehe die Schar der Liccavi, der blicke auf die Schar der Liccavi." Und außer der adeligen Jugend kommt mit nicht geringerer Pracht eine andere Berühmtheit der Stadt zum Buddha gefahren, die Kurtisane Ambapali; sie lädt den Buddha samt seinen Jüngern zur Mahlzeit in ihrem Mangowald ein, und als sie dorthin kommen und das Mahl beendet ist, schenkt sie dem Buddha und der Gemeinde den Mangowald.

Das Bild von dem Publikum, das sich in des Buddha Umgebung zusammenfand, zu vervollständigen, dürfen weiter Gestalten wie der stattliche, vom König mit den Revenüen eines Dorfes dotierte Brahmane nicht unerwähnt bleiben, der mit großem Gefolge angefahren kommt, der junge Brahmane, der von seinem Lehrer angeschickt ist, ihm Kunde über den vielbesprochenen Gotama zu bringen, und den es antreibt, in einem dialektischen Gefecht mit dem berühmten Gegner sich Ruhm zu gewinnen; oder jene Gruppe von Brahmanenschülern, die vom Buddha gehört haben und nun aus südindischem Land gewandert kommen, bis sie ihn erreichen, der sich nahe der Hauptstadt des Magadhalandes auf einem Berg aufhält:

"Wie zu kühlemdem Trank, Durst´ge, zum Schatten, wen die Sonne quält,

zum Geldgewinne Kaufleute: So eilen sie den Berg hinan.

Da verweilte der Hochheil´ge, umgeben von der Jüngerschar,

die er der Wahrheit Wort lehrte, wie Löwengestimm´ im Wald erdröhnt".

Endlich ist hier auch der sophistische "Haarspalter" geistlichen wie weltlichen Standes zu gedenken, die gehört haben, dass der Asket Gotamo in der Nähe weilt, und die sich rüsten, in zweischneidigen Fragen ihm Schlingen zu legen und ihn, welche Antwort er auch geben mag, in Widersprüche zu verwickeln.

Ein häufiger Schluss der Unterredungen ist, dass die Verehrer oder überwundenen Gegner Buddhas ihn samt seinen Jüngern auf den folgenen Tag zum Mittagsmahl einladen: "Es möge, Herr, der Erhabene mir für morgen zum Mittagsmahl zusagen mit seinen Jüngern." Und der Erwachte gab durch Schweigen seine Zusage zu erkennen. Wenn dann am nächsten Tag gegen die Mittagszeit die Mahlzeit bereitet ist, schickt der Gastgeber einen Boten an den Buddha: "Es ist Zeit, Herr, die Mahlzeit ist bereitet"; und geht mit seinen Jüngern in die Stadt oder das Dorf zur Wohnung des Gebers. Nach der Mahlzeit, bei der wohlhabende Gastgeber, von Fleischspeisen abgesehen, das Beste aufbieten, was die Küche jener Zeit leistet, un bei welcher der Wirt selbst mit seiner Familie die Gäste bedient, nimmt, wenn die stehende Waschung der Hände vollzogen ist, der Wirt samt den Seinen an Buddhas Seite Platz, und der Buddha richtet an sie Worte geistlicher Ermahnung und Belehrung.

 

Quellen: Buddha. Die großen Reden, von Hermann Oldenberg. Der Buddha und sein Orden, herausgegeben von Fritz Schäfer und Raimund Beyerlein.