"Einst weilte der Erhabene im Jatahaine bei Savatthi, im Kloster des Anathapindika. Und zahlreiche Mönche kleideten sich in der Frühe an, nahmen Gewand und Schale und begaben sich nach Savatthi um Almosenspeise..."

So und ähnlich beginnen viele Lehrreden. Der Begriff "Almosen" könnte bei unserem europäisch-christlichen Sprachgebrauch falsch verstanden werden.

Der buddhistische Mönch empfing (und in den buddhisitschen Ländern ist es heute noch so) keine "Almosen" im Sinne von "erbetteln". Schweigend ging er mit seiner Schale von Haus zu Haus, schweigend empfing er die Gaben, schweigend ohne Dankesbezeugung entfernt er sich. Er hat dem Geber die Gelegenheit zu einer guten Tat gegeben.

Genau ausgearbeitet waren die Regeln, die der Buddha den Mönchen für das Einholen und den Verzehr der Almosenspeise gegeben hat. Der Almosengang fand stets morgens statt. Nur zubereitete Speisen durften angenommen werden, keine Lebensmittel im Rohzustand. Häuser auszulassen oder Straßenzüge in besseren Wohngegenden zu bevorzugen, war nicht zulässig. Der Mönch hatte ansonsten das zu essen, was in seinen Almosentopf kam. Der Buddha gestattete, Einladungen in Häuser anzunehmen. Auch dort wurde aus der Almosenschale gegessen. Die Mahlzeit, die stets vor Sonnenhöchststand beendet sein musste, da den Mönchen späteres Essen nicht erlaubt war, schloss gewöhnlich mit einer Lehrrede an den Gastgeber. So "gab" der Bhikkhu auch etwas, nämlich die Lehre des Buddha, den Dhamma.

Fleisch war nicht strikt verboten, die Mönche waren keine Vegetarier im strikten Sinne. Allerdings musste es zurückgewiesen werden, wenn auch nur die geringste Vermutung bestehen konnte, dass ein Tier speziell für ihn getötet worden war. Wenn ein Tier bereits von jemandem, der an das Töten glaubte, getötet worden war und das Fleisch gekocht und angeboten wurde, durfte ein Bhikkhu es - ohne dadurch sein Gelübde zu verraten - als Nahrung akzeptieren, weil es ihm angeboten wurde. Wenn er es aber hinsichtlich seiner Gesundheit oder seines Bewusstseins als bedenktlich empfand, durfte er das Angebot zurückweisen, ohne dabei den Schenkenden vor den Kopf zu stoßen. Letztlich lebte der Mönch von den Almosen und konnte nicht wählen, was ihm angeboten wurde. Selbst Palmwein wurde mitunter den Bhikkhus angeboten. Nachdem der Bhikkhu Sagata in Kosambi an jeder Haustür einen Becher getrunken hatte und nach der Almosenrunde vor dem Stadttor eingeschlafen war, erließ der Buddha ein striktes Alkoholverbot.

In der Almosenschale Übriggebliebenes wurde als Futter für Tiere auf eine Sandfläche geschüttet und der Topf in fließendem Wasser gespült.

Im Laufe der Jahre wurde der Buddha mit seinen Mönchen sehr häufig als Gast eingeladen und ebenso kamen die Menschen in die Viharas (Klöster), um dort Almosen anzubieten.

Als der Erwachte einmal in Savatthi im Kloster Anathapindikas weilte, spendeten König Pasenadi, Anathapindika und Visakha viele Tage lang große Almosen, indem sie den Orden mit dem Buddha an der Spitze versorgten. Dieses große Spenden wurde überall in Indien bekannt. Dadurch erhob sich die Frage, ob es für das Verdienst auf die Menge des Gegebenen ankomme oder auf die Gesinnung. Als diese Frage an den Erwachten herangetragen wurde, erwiderte er, dass es nicht allein auf die Größe der Gabe ankomme, sondern mehr auf die Gesinnung und vor allem auf den Empfänger und seine Würdigkeit. Selbst wenn jemand nur wenig gäbe, aber mit gutem Herzen und an eine würdige Person, dann hätte er ein reichliches Verdienst. So sagte auch Sakko, der Götterkönig:

"Wenn heiter ist das Herz gestimmt,

dann keine Gabe ist gering

an Buddha den Vollendeten

sowie an dessen Jüngerschaft."

Diese Äußerungen des Erwachten wurden ebenfalls in ganz Indien bekannt. Die Folge war, dass die Menschen freudig an Bettler, Notleidende, Asketen und Brahmanen gaben. Sie hielten auf dem Hofe Trinkwasser bereit und errichteten Sitze am Eingang.

Wie begehrt der Buddha als Gast war, zeigt auch eine Episode aus seinen letzten Lebensjahren. Auf seiner letzten Reise machte der Buddha halt in Vesali und weilte in Ambapalis Mangohain. Ambapali erwies dem Buddha ihre Ehrerbietung und er hielt eine lange Lehrpredigt über den Dhamma. An deren Ende lud sie den Meister und seine Mönche zum Essen in ihr Haus ein. Als sie sich in ihrem besten Wagen rasch entfernte, fuhren die Liccaviefürsten, ebenfalls in ihren besten Wagen, neben ihr her und fragten sie, warum sie es denn so eilig habe. Sie antwortete, der Erwachte und seine Mönche würden am folgenden Tag zu ihr nach Hause zum Essen kommen, und sie müsse sicher sein, dass alles bereitstehe. Die Fürsten baten sie, ihnen dieses Privileg zu überlassen und boten ihr dafür 100000 Goldmünzen an. Doch sie antwortete, sie würde es nicht für ganz Vesali mit all seinen Schätzen verkaufen. So gingen die Liccavifürsten zum Buddha und luden ihn ein, am nächsten Tag das Mahl bei ihnen einzunehmen. Der Erwachte lehnte jedoch ab, da er bereits Ambapalis Einladung angenommen hatte. Die Liccavifürsten schnippten dabei mit den Fingern - ein Ausdruck der Frustration - und riefen: "Wir wurden von diesem Mangomädchen besiegt! Wir wurden von diesem Mangomädchen ausgetrickst!" Dann, nachdem sie durch eine Rede des Erhabenen erfreut waren, befriedigt waren, standen sie von ihren Sitzen auf, verehrten den Erhabenen, umrundeten ihn rechts und gingen fort. Nachdem der Buddha am nächsten Tag sein Mahl in Ambapalis Haus beendet hatte, näherte sie sich ihm und machte ihren wundervollen Park, den Mangohain, dem Mönchsorden zum Geschenk. Der Buddha hatte dort in der Vergangenheit schon mehrere Predigten gehalten.

Die Mönche von Kosambi, die sich stritten und innerhalb des Sangha Streitfälle verursacht hatten, mussten erfahren, dass sie keine Almosen mehr bekamen. Der Buddha hatte die Mönch zu dieser Zeit bereits verlassen und sich in die Wälder zurückgezogen. Da verehrten die Laienanhänger von Kosambi die Mönche nicht mehr, gingen ihnen nicht mehr entgegen mit zusammengelegten Händen, grüßten sie nicht mehr und sie wurden von ihnen nicht mehr respektiert, geehrte, wertgeschätzt, hochgeschätzt, geachtet. Wenn sie auf dem Almosengang kamen, gaben sie ihnen keine Almosenspeise.

Ein anderer Fall war, dass der allseits beliebte Quartiermeister des Ordens mit Namen Dabbo fälschlich von dem Liccavier Vaddho beschuldigt worden war, eine Frau verführt zu haben. Als der Fall dem Buddha zu Ohren kam, befragte er Dabbo und wandte sich danach an die Mönche: "Mönche, wegen dieses Vorfalls hat der Orden vor dem Liccavier Vaddho die Almosenschale umzudrehen und keine Almosenspeise mehr von ihm anzunehmen. Von einem Anhänger, der acht Eigenschaften hat, ist die Almosenschale umzudrehen: Wenn er darauf hinarbeitet, dass ein Mönch nichts bekommt, Nachteil erleidet, keine Unterkunft erhält, dass er einen Mönch verleumdet und beschimpft, dass er Mönche mit anderen Mönchen entzweit, wenn er vom dem Vollendeten und der Lehre oder vom Orden schlecht redet. Ich erlaube euch, Mönche, vor einem Anhänger, der diese achte Eigenschaften hat, die Almosenschale umzudrehen.

Und so ist sie umzudrehen: Der Orden soll durch einen erfahrenen, tüchtigen Mönch benachrichtigt werden: "Ihr Herren, hört mir zu: Der Liccavier Vaddho hat den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, grundlos eines Tugendverstoßes beschuldigt; wenn der Orden einverstanden ist, dann soll der Orden vor dem Liccavier Vaddho die Almosenschale umdrehen und keine Almosenspeise mehr von ihm annehmen. Das ist mein Antrag... Wenn der Orden einverstanden ist, so möge er schweigen; wer dagegen ist, sage es." Der Orden schwieg...

Am anderen Morgen erhob sich der ehrwürdige Ananda in der Morgenfrüh, nahm Obergewand und Almosenschale, ging in Vaddhos Wohnung und sprach: "Der Orden hat vor dir die Almosenschale umgedreht und nimmt keine Almosenspeise mehr von dir an, Freund Vaddho." Als der Liccavier Vaddho begriffen hatte... fiel er in Ohnmacht... seine Freunde, Vertrauten und Verwandten sprachen zu ihm: "Weine nicht, Vaddho, klage nicht, wir wollen vom Erhabenen und dem Orden Verzeihung erbitten."

Schließlich begab sich der Liccavier Vaddho mit Frau und Kind, Freunden, Vertrauten und Verwandten zum Erhabenen, fiel ihm zu Füßen und sprach: "Ein Vergehen hat mich überkommen wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Taugenichts, dass ich den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, ohne jeden Grund eines Tugendverstoßes bezichtigt habe. Der Erhabene wolle meine Beichte dieser Verfehlung als Verfehlung annehmen und das Versprechen, mich künftig zu hüten."

"Da hat dich allerdings ein Vergehen überkommen, Freund Vaddho, wie einen Toren, wie einen Irren, wie einen Taugenichts, dass du den ehrwürdigen Dabbo, den Maller, ohne jeden Grund eines Tugendverstoßes bezichtigt hast. Weil du aber diese Verfehlung eingesehen hast und nach der Regel offengelegt hast, so nehmen wir das von dir an. Denn, Freund Vaddho, in der Heilswegweisung des Vollendeten gilt es als Fortschritt, eine Verfehlung als Verfehlung einzusehen, sie offenzulegen und sich künftig zu hüten."

Dann sprach der Erhabene zu den Mönchen: "Nun, Mönche, lasst den Orden vor dem Liccavier Vaddho die Almosenschale wieder aufrichten und wieder Almosenspeise von ihm annehmen..."