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"Ein Jahr, bevor ich dreißig war, zog ich vom Hause fort, das Heil zu suchen." (Digha Nikaya 16)
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Seine Wanderschaft führte Siddhattha zuerst in die Hauptstadt des Reiches Magadha, nach Rajagaha. Dort war damals das Zentrum des geistigen Lebens, und dort hoffte er, geistige Lehrer zu finden. Auch mit dem König Bimbisaro, der ja seinen Vater kannte, traf Siddhattha zusammen. Der König meinte, er könne die Askese doch noch im Alter üben. Aber der Bodhisatta erwiderte, für die Askese brauche man gerade die Jugendkraft – und wer wisse denn, ob er überhaupt alt werde und nicht morgen schon sterbe? Schließlich bat der König ihn, wenn er sein Ziel erreicht habe, zu ihm zu kommen und ihm davon zu künden. Das sagte der Bodhisatta zu. In den Bergen rund um Rajagaha lebten damals viele Pilger, Asketen, Büßer, Brahmanen. Was der Bodhisatta hier sah, waren vor allem Selbstquäler, die verschiedene Arten von Schmerzensaskese betrieben und eine Gruppe von Asketen, die die Sinnenlust durch Lust an Ansichten ersetzten. Das waren die Dialektiker, Rabulisten und Intellektuellen, die phantastisch imponierende Denksysteme ausbrüteten und darüber scharfsinnige Diskussionen führten. Nachdem der Bodhisatta schnell erkannt hatte, dass bei den Selbstquälern und Intellektuellen das Heil nicht zu finden war, erlangte er bald die Fähigkeit, die Asketen nach dem Wesentlichen zu unterscheiden. Er entdeckte bald echte Asketen, die sittlich geläutert und weise waren. Wie der Buddha später bestätigte, waren die beiden Lehrer, die er nun kennenlernte, die Besten von allen, die Tiefsinnigsten und die der Wahrheit am nächsten Stehenden. Im Palikanon werden diese beiden Lehrer so behandelt, als ob jedermann genau wisse, was sie lehrten, so wie wenn man bei uns Kant oder Platon als Denker erwähnt. "Ich ging nun zu Alaro Kalamo hin … und binnen kurzem, sehr bald, hatte ich diese Lehre selbst begriffen, mit offenbar gemacht und ihren Besitz erlangt." Der Inhalt der Lehre bestand darin, dass er alles Gegenständliche ("Form") als Quelle des Leidens erkannte. Geburt, Alter, Krankheit und Tod – das gibt es nur, wo ein Körper, wo die fünf Sinne sind. Man kann bei der Welt die Welt überwinden, kann angesichts der Form frei vom Bezug zur Form und dann sogar frei vom Raum sein. Wie der Buddha selber später entdeckte, gibt es sogar vier Stufen der Formlosigkeit, von denen Alaro Kalamo die dritte (formlose) lehrte. Die ersten beiden Stufen beziehen sich auf den unbegrenzten Raum und die unbegrenzte Zeit, die beide noch ein reflex der Vielheit der Formen sind. Alaro aber lehrte darüber hinaus die Lehre von der Nichtetwasheit, in der auch Raum und Zeit nicht vorkommen. Diese Lehre vom "Nichts" als Überwindung alles Leidigen und Leidens ist auch in der Mystik aller Religionen als höchstmögliche Läuterung bekannt, im Christentum, bei den Sufis im Islam, im Taoismus. Der Bodhisatta gab sich damit nicht zufrieden und wollte weitersuchen. Auf dieser Suche kam er zu einem zweiten Lehrer, Uddaka Ramaputto. Gegenüber Alaro lehre Uddako etwas Tieferes: Der Schritt vom Bereich des Nichtdaseins zur Grenzscheide der Wahrnehmung, ein geistig und meditativ großer Fortschritt. Es ist für uns schwer vorstellbar, was der Bodhisatta dachte, als er sich von Uddako schließlich auch abwandte. Indem der Bodhisatta selbst die Grenzscheide möglicher Wahrnehmung als unbefriedigend empfand, hatte er unbewusst bereist den Standpunkt des Nirvana eingenommen, zwar zunächst nur negativ im Abweisen der vierten Stufe der Formlosigkeit, aber damit doch schon im Denken über diese hinausgehend. Der Asket Gotamo wanderte also weiter: "Indem ich nun so forschte, wo das Glück sei, und nach dem unübertrefflichen Weg zum Frieden suchte, da kam ich, während ich im Lande Magadha von Ort zu Ort wanderte, nach Uruvela, der Heerstadt. Da sah ich ein reizendes Fleckchen Erde, einen lieblichen Wald und einen klar dahin fließenden Fluss, der gute Badegelegenheit bot und ganz entzückend war, und auf allen Seiten Wiesen und Dörfer. Und ich ließ mich dort nieder, indem ich dachte: 'Passend ist dieser Ort zum Streben.' Nun kamen mir drei Gleichnisse in den Sinn, wunderbare, noch nie gehörte." In diesen drei Holzscheitgleichnissen sagt der Buddha: 1. Wie ein feuchtes leimiges Holzscheit, ins Wasser geworfen, auch bei größter Mühe kein Feuer und Licht hervorbringen kann, ist es auch Asketen, nicht möglich, sich von Sinnendingen fernzuhalten, solange bei Begehrensdingen Lustwille, Lustbejahung usw. nicht innerlich ausgeglüht sind. 2. Wenn das feuchtleimige Holzscheit nun aber fern vom Wasser an Land geworfen würde, könnte man immer noch kein Feuer entfachen, da es innen noch feucht ist. Das sind die Asketen, die zeitweise das Meer der Sinnenlust verlassen, aber nachher doch wieder darin schwimmen, und "was sie vorher verworfen haben, übertreiben sie nachher." 3. Wenn ein trockenes ausgedörrtes Holzscheit fern vom Wasser an Land geworfen würde, so könnte man damit in der Tat Feuer und Licht entzünden. Ebenso auch sind erst die Asketen, die sowohl äußerlich im Tun wie innerlich im Denken, Vorstellen und Wollen jeden Bezug zu den Sinnendingen vollkommen gelöst haben, fähig zur Wissensklarheit und Erwachung. Wo aber gab es solche Asketen? Nirgends. Doch der Bodhisatta erkannte, dass er ein solcher Asket der dritten Art gemäß dem dritten Gleichnis werden musste. So versuchte der Bodhisatta zunächst drei verschiedene Wege zur Befreiung von den sinnlichen Trieben zwecks Überwindung der auf die Sinne beschränkten Bewusstseinsweise, drei Wege: 1. "Wie, wenn ich nun die Zähne aneinanderpresste, die Zunge an den Gaumen anlegte und so mit dem Willen das Herz (die Triebe), niederdrückte, niederquälte?" …Während ich nun so die Zähne aneinander presste, die Zunge an den Gaumen legte und mit dem Willen das Herz unterwarf, unterdrückte, zermarterte, kam mir der Schweiß aus den Achselhöhlen heraus…und das so beschaffene schmerzliche Gefühl, das ich empfand, machte auf mein Gemüt keinen bleibenden Eindruck." 2. "Wie, wenn ich mich nun in atemlose Entrückung versenken würde? Und ich hemmte das Ein- und Ausatmen von Mund und Nase. Dann von Mund, Nase und Ohren…da trafen übermäßige Luftströmungen auf meinen Schädel auf. Wie wenn ein starker Mann mit einer scharfen Schwertspitze den Kopf zerreiben würde…usw." 3. "Wie, wenn ich mich nun gänzlich der Nahrung enthielte? Doch Gottheiten kamen zu mir und sagten: 'Gelange nicht, Ehrwürdiger, zur vollständigen Enthaltung von Nahrung'… Darauf dachte ich: 'Wie, wenn ich nun jedes Mal nur ganz wenig Speise zu mir nähme, immer eine Handvoll…?' …wie an einem verfallenen Hause die Dachsparren abgebrochen und auseinandergebrochen sind, so waren meine Rippen wie abgebrochen und auseinandergebrochen infolge dieser geringen Nahrungsaufnahme…wie ein bitterer Kürbis, der roh gespalten ist, durch Wind und Sonnenglut zusammengeschrumpft und verdorrt, so schrumpfte zusammen und verdorrte meine Kopfhaut infolge dieser geringen Nahrungsaufnahme. Und wenn ich die Haut meines Bauches berühren wollte, so erfasste ich mein Rückgrat; und wenn ich mein Rückgrat berühren wollte, so erfasste ich die Haut meines Bauches. So sehr haftete die Haut meines Bauches am Rückgrat infolge dieser geringen Nahrungsaufnahme. Diese drei Selbstversuche der Gewalt gegen die Psyche, gegen den Atem, gegen den Körper werden in verschiedenen Lehrreden ausführlich geschildert. Mit äußerster Konsequenz war er den Weg der Gewalt bis zum Ende gegangen, aber er war nicht weiter gekommen als früher. Er war zum Skelett abgemagert und die Kunde von diesem Ergebnis der Askese Gotamas drang auch bis nach Kapilavatthu. Es wurde schon berichtet, er sei tot. Als der Bodhisatta aus der Ohnmacht erwachte, die ihn aus Schwäche des Leibes überfallen hatte, da dachte er: ´´Welche Asketen und Brahmanen auch immer in der vergangenen Zeit an sie herankommende unangenehme, stechende, schmerzliche Gefühle empfanden haben: das ist das Höchste, weiter geht es nicht. Und doch erreichte ich durch diese so bittere Schmerzaskese kein überirdisches reiches Heiltum der Wissensklarheit. Es gibt wohl einen anderen Weg zur Erwachung. Und es kam mir der Gedanke: Ich erinnere mich, dass ich, während mein Vater arbeitete, im kühlen Schatten eines Rosenapfelbaumes saß und da mich frei fühlte von den Lüsten und den nicht zum Heil führenden Dingen und dass ich damals die mit Nachdenken und Selbstprüfung verbundene, durch Abschließung verursachte, freudebeglückte erste Stufe der Entrückung erreichte und darin blieb. Dies könnte der Weg zur Erwachung sein. Und aus der Erinnerung sich ergebend kam mir die Erkenntnis: Dies ist der Weg zur Erwachung." In diesen kurzen Worten ist nicht wenig an Bedeutung enthalten. Erstens besagt dies, dass es überhaupt eine Erwachung gibt: Dessen war er sich völlig gewiss. Zweitens heißt dies, dass sie erreichbar ist, dass es einen Weg dorthin gibt. Und drittens erkannte er, dass die Entrückung den Weg weist. In jenen drei Worten liegt die Geburtsstunde des Heils, das jetzt nur noch eine Zeitfrage bis zur Verwirklichung war. Dabei drängt sich uns die Frage auf, warum er denn so lange Jahre des vergeblichen Mühens brauchte, warum er sich so quälen musste, ehe er den richtigen Weg fand. Eine Antwort gibt er selber. Er fragte sich nämlich sogleich: "Warum fürchte ich mich vor diesem Glücke, das abseits liegt von den Lüsten und abseits von den nicht zum Heile führenden Dingen?" Man mag sich wundern über diese Frage. Sie ist aber verständlich im indischen Milieu. Da galt bei den Asketen zumeist das Dogma: "Nur durch Wehe ist Wohl zu erlangen." Auch der um Erwachung ringende Asket Gotamo verfiel dieser tief eingewurzelten Denkgewohnheit. So misstrauisch war man bei den indischen Asketen gegen das Wohl. Wer eben nur sinnliches Wohl kennt, der identifiziert Sinnlichkeit und Wohl, und daher muss er dann allem Wohl misstrauen. Obwohl er im Tiefsten seiner Seele nach Wohl strebt, redet er sich ein, dass erst durch viel Wehe dies Wohl zu erlangen sei. Der tiefere Grund liegt im eigenen früheren Wirken. In einem früheren Leben hatte er lange Zeit den vorherigen Buddha als kahlköpfigen Pfaffen verachtet und wollte nichts mit ihm zu tun haben. Er hatte sich selber dadurch geraume Zeit vom wahren Heil getrennt und erlebte jetzt als Ernte, dass das Heil sich ihm lange Zeit verweigerte – dies wird im Kanon als erste von zwölf bösen Früchten aufgeführt, die ihn noch in diesem Leben trafen, wobei er die anderen elf Früchte erst erntete, als er bereits ein Buddha, d.h. innerlich untreffbar, war. "Und es kam mir der Gedanke: Durchaus nicht fürchte ich mich vor diesem Glücke…" Weiter dachte ich: 'Dies Glück ist nicht leicht zu erreichen für einen, dessen Körper zu so übermäßiger Abmagerung gelangt ist; wie, wenn ich nun reichlich Speise zu mir nähme'… Zu der Zeit aber waren fünf Mönche um mich herum, die dachten: 'Wenn der Asket Gotama zur Wahrheit gelangen wird, wird er sie uns mitteilen.' Als ich aber reichlich Speise zu mir nahm, Reisbrei und sauren Schleim, da verloren die fünf Mönche den Gefallen an mir und verließen mich, indem sie sagten: 'Üppig wird der Asket Gotamo, der Askese untreu, zugeneigt der Üppigkeit.' " Man muss sich vorstellen, dass es für einen Asketen keinen größeren Tadel gab als den, er sei wieder dem Genusse verfallen und habe die Askese verlassen. So verlor der Bodhisatta hier auch noch die Verehrung und Anerkennung der Welt, die manchem Asketen eine Stütze, aber auch eine ebenso verborgene wie starke Fessel sein kann. Es heißt, dass diese Fünf zuerst Schüler bei Uddako gewesen waren und Gotamo folgten, als er seinen zweiten Lehrer verließ. Nach dem Abzug der Fünf war er allein am Ufer des Flusses Neranjara bei Uruvela.
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