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Aus den nach der Berufung Anandos folgenden fünfundzwanzig Jahren, dem Vierteljahrhundert vom 55. bis zum 80. Lebensjahr des Buddha, der eigentlichen Blütezeit des Dhamma, fehlt in der Überlieferung jegliche Chronik. Das einzige, was bekannt ist, ist der Inhalt vieler Lehrreden und die Tatsache, dass der Erwachte alle Regenzeiten dieser Periode in Savatthi verbrachte. |
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Jahr für Jahr wiederholte sich für den Buddha und seine Jünger der Wechsel zwischen einer Zeit des Wanderns und einer Zeit der Ruhe und Zurückgezogenheit. Wenn im Juni nach der dürren Gluthitze des indischen Sommers Wolkenmassen sich auftürmen und unter Donnerrollen das Herannahen des regenbringenden Monsuns sich ankündigte, rüstete der Inder heute wie vor alters sich und sein Haus für die Zeit, in der alles gewohnte Tun und Treiben durch den Regen unterbrochen wird; wochenlang halten dann die strömenden Güsse an vielen Orten die Bewohner in ihren Hütten oder doch in ihren Dörfern fest. So war es denn für die Glieder des Mönchsordens unverbrüchliche Regel, die drei feuchten Monate hindurch das Wandern zu unterbrechen und in der Nähe von Städten oder Dörfern, wo man durch Gaben sicheren Unterhalt fand, diese Zeit in stiller Zurückgezogenheit zu verbringen. So hat der Buddha Jahr für Jahr drei Monate lang "Regenzeit gehalten", umgeben von Scharen seiner Jünger, die zusammenströmten, die feuchte Zeit in der Nähe des Meisters zu verleben. Könige und Reiche drängten sich zu der Ehre, ihn und die Jünger, die mit ihm waren, während dieser Zeit als Gäste aufzunehmen. Die allermeisten überlieferten Lehrreden dürften in diese Zeit fallen, in welcher Anando, dem untrennbaren Schatten gleich, den Buddha begleitete und alle Lehrreden kraft seines einzigartigen Gedächtnisses behielt. In der Einleitung der Mehrzahl dieser Lehrreden heißt es, dass der Erwachte zu der Zeit, wo er sie hielt, zu Savatthi weilte - dem Ort also, wo er ab seinem fünfundfünfzigsten Lebensjahr fünfundzwanzig Regenzeiten verbrachte und wo seine Lehrtätigkeit in einer gewissen Weise örtlich in jenem Garten zentralisiert war, von dem der alte Mönchspoet sagt: Jetavana, das liebliche, Weisenscharendurchwandelte, Wo gewohnt hat der Wahrheit Fürst, Der Ort, der mir das Herz erfreut. Der Tageslauf des Erwachten spielte sich so ab, dass er morgens auf Almosengang ging oder, wenn er zum Essen geladen war, seine Gastgeber durch Lehrgespräche ermunterte. Den Nachmittag hielt er Gedenkensruhe, oder er widmete sich den Besuchern. Die zwölf Stunden der indischen Nacht verbrachte er nach Berichten in der Regel wie folgt: In der ersten Nachtwache (6-10 Uhr abends) belehrte er die Mönche, so wie es sehr oft in den Texten heißt, dass er nach Aufhebung der Gedenkensruhe sich ihnen widmete. In der zweiten Nachtwache pflegte er Geistwesen, meistens Götter, zu belehren, war er doch der Lehrer der Götter und Menschen. In der letzten Nachtwache (2-6 Uhr morgens) gab es drei Teile: In ihrem ersten Drittel ging er auf und ab, im zweiten Drittel legte er sich nieder, im letzten Drittel schaute er mit dem erwachten Auge über die Welt und sah, wo Wesen waren, denen er helfen konnte. Der Buddha fand ein festgefügtes Kastensystem in der Gesellschaft vor, welches ungefähr den vier Ständen des Abendlandes (Klerus, Adel, Bürgertum, Proletariat) entsprach. Die vier indischen Kasten waren Brahmanen, Krieger, Bürger, Diener, darüber hinaus gab es sog. "Kastenlose" (in unserem Sprachgebrauch Landstreicher). Der Buddha hat (vor allem in der Lehrrede Digha Nikaya Nr. 27) den Scheinursprung der Kasten aus einem Brahman widerlegt und den wahren Ursprung aufgezeigt. Die große Menge der Menschen lebte als Bürger in Ehe, Familie und Beruf. So wird in den Lehrreden oft von Hausvätern gesprochen, unabhängig auch von der Kaste. Von der Dienerkaste machten nur relativ wenige von der ihnen vom Buddha eröffneten Möglichkeit Gebrauch, die Kastenschranken zu überschreiten und Mönch zu werden, obwohl sie am wenigsten zu verlieren hatten, und auch wenige wurden Anhänger; dagegen rekrutierte sich das Gros der buddhistischen Anhänger aus dem Bürgerstand, und viele von ihnen wurden Mönche, besonders gerade die Reichsten. Es ist ein psychologisches Faktum, dass der Diener, der im Entbehren lebte, vor lauter Existenznot meist weniger geneigt war, die Lehre zu hören und sich innerlich anzustrengen. Wer dagegen die Fülle hatte und sich fragte, ob die Fülle auch bleiben könne, der war für die entscheidenden Fragen der Lehre oft eher offen. Durch frühere Tugend allein ist der Reiche reich geboren, durch frühere Untugend allein ist der Arme arm geboren. Dies gibt keinem Reichen Anlass, sich "auserwählt" zu fühlen: In der Endlosigkeit des Samsara hat jedes Wesen schon unzählige Male ebenso in größtem Reichtum - ja, in höchsten Götterwelten - wie in tiefster Armut - ja, in Tier-, Gespenster- und Höllenbereichen - gelitten; denn wo die letzte Wahrheit nicht gewusst wird, da folgt dem durch gutes Wirken Erlangte das Genießen, dem Genießen das Vergessen, dass nur gutes Wirken Wohl erlangen lässt, und dem Vergessen und der Gier folgen immer wieder Verfall, Abstieg und Not, die nach langen Zeiten wieder zur Besinnung führen - und so geht es endlos fort, solange nicht der vom Erwachten gewiesene Ausweg beschritten wird. So ist jetzt noch der Reiche bei üblem Wirken auf dem Weg zur Armut, der jetzt Arme bei gutem Wirken auf dem Weg zu Reichtum; aber der Durchschnitt bleibt meist längere Zeit in den gewohnten Bahnen des Wirkens, das sie zur derzeitigen Daseinsform gebracht hat. Unter den fünfundsiebzig Spitzen der Jüngerschaft rekrutierte sich die weitaus größte Gruppe aus der Bürgerkaste, nämlich zweiunddreißig Menschen, während es aus der Dienerschaft nur fünf, aus dem Adel nur siebzehn und aus der Priesterkaste einundzwanzig waren. Auch ein Kastenloser namens Kappatakuro trat in den Orden ein, wurde danach aber bald unwillig. Dass man im Orden gehorchen musste, war ihm in seinem Landsteicherleben völlig fremd und ungewohnt. Er trat wieder aus. Dann fand er sein Dasein wieder öde - und wurde wieder Mönch. So pendelte er nicht weniger als sieben Mal. Eines Tages sah der Buddha ihn, wie er im Orden in der Predigthalle vor sich hindöste. Da rüttelte er ihn im Geiste auf und mahnte ihn, seine Chance als Mönch nicht zu verträumen. Da raffte sich Kppatakuro auf und erreichte bald den Heilsstand. Das Verhältnis des Buddha zu den Bürgern wird vorzugsweise durch die Belehrung über das rechte Genießen als Stufe zum höheren Genießen bestimmt. Da kam einst ein Koliyer zum Buddha und sprach: "Wir Hausleute, o Herr, die wir die Sinnendinge genießen, leben aufs engste zusammen mit Frauen und Kindern. Wir gebrauchen Seide und Sandelholz, verwenden Blumen, Parfüms und Salben, lieben Gold und Silber. Möge doch, o Herr, der Erhabene uns so die Lehre weisen, dass es zum Heile und Wohle gereiche, in dieser Welt und in jener Welt." (Anguttara Nikaya VIII, 54) Der Buddha tadelte ihn nun nicht etwa, dass er so genusssüchtig sei, sondern riet ihm entsprechend seinen Wünschen. Wer so genießen wolle, der müsse erstens fleißig sein in seinem bürgerlichen Beruf als Bauer, Viehzüchter, Kaufmann, Handwerker, Staatsbediensteter. Und er müsse auch wachsam sein Vermögen hüten. Drittens müsse er guten Umgang pflegen, gute Freunde und Vorbilder, denen er nacheifere. Und viertens müsse er seine Lebensweise nach seinen Einnahmen richten, weder verschwenderisch noch geizig sein. Und er müsse vier bodenlose Löcher meiden, die sein Vermögen verzehren: Hurerei, Trunksucht, Glücksspiel, Umgang mit liederlichen Genossen. Das seien die Bedingungen, um im Diesseits glücklich zu leben. Um aber auch im Jenseits glücklich zu leben, da seien vier innere Dinge zu erwerben: Erstens Vertrauen darin, dass es überhaupt ein Jenseits gibt, dass es unendlich ist und dass ein Erwachter allein es völlig kennt; zweitens Tugend, die eine gute Ernte sät, drittens freigiebiges Geben, Verzichtenkönnen zu Gunsten anderer, solange man genug hat; viertens Weisheit, welche den Gesamtzusammenhang zwischen Saat und Ernte betrachtet. Die bekannteste Rede an einen Bürger über die Gewinnung von Wohl im Diesseits und Jenseits aber ist die Rede "Singalakos Ermahnung" (Digha Nikaya Nr. 31). Die Krieger entsprachen bei uns den früheren Adeligen. Es sind Menschen, deren Anlage und Beruf es war, zu führen, zu schützen, zu herrschen und voranzugehen. Der Buddha hatte sehr bald nach Beginn seiner Lehrtätigkeit die beiden Großkönige Pasenadi von Kosalo und Bimbisaro von Maghada für sich gewonnen, ebenso die Sakyerfürsten seiner Heimat und die Licchavierfürsten von Vesali, so dass der Orden unter dem Schutz der Staaten in Frieden leben konnte. Indem der Buddha so die Spitzen der Kriegerkaste gewann, wirkte er unmittelbar friedenerhaltend. Denn durch die Kriegerkaste entstanden alle Kriege. Der Buddha verhinderte einen Krieg der Sakyer gegen die Koliyer, einen Krieg von Magadha gegen die Licchavier und wirkte mit, dass der einzige Krieg im Gangestal zu seinen Lebzeiten, der zwischen Pasenadi und Ajatasattu, mit einem dauerhaften Frieden endete. Der Buddha wies die Fürsten und Könige seiner Zeit besonders auf die heute völlig vergessene und belächelte Tatsache hin, dass von der Tugend oder Untugend des Herrschers das Geschick des ganzen Landes abhinge. Das Verhältnis des Buddha zur Brahmanenkaste, zu den Priestern, ist für uns am schwersten zu verstehen, weil es eben bei uns kaum noch eine Priesterschaft gibt und wenn, dann in weltliche Dinge verstrickt. Der Stand der Brahmanen Indiens war aber der Stand, dem die Religion Beruf war, der Stand, welcher den Bezug zum Jenseits zum Lebensinhalt gemacht hatte. Von daher ist es verständlich, dass diese Kaste geradezu für die Lehre prädestiniert war. Die ersten und meisten Männer, die in den Orden kamen, waren asketische Brahmanen. Andererseits gab es gerade zwischen dem Buddha und den Brahmanen die meisten geistigen Auseinandersetzungen, die meisten Kontroversen und Probleme. Die Brahmanen sahen den Buddha als Konkurrenten an. Die ausführlichste Konfrontation zwischen der priesterlichen Behauptung von der Überlegenheit ihrer Kaste und der buddhistischen Lehre von der Läuterung allein durch Wirken findet sich in Majjhima Nikaya Nr. 93. Die Mönche aber werden oft als Sakyer-Söhne bezeichnet, als Söhne des Erhabenen, aus dem Munde geboren, und es heißt, so wie ein Kaiserkönig tausend leibliche Söhne habe, so habe ein Vollkommen Erwachter Tausende von geistigen Söhnen als seine Nachfolger. Er ist also der Vater, und zwar insbesondere der Vater des Ordens. Er hat den Orden erzeugt, geschaffen, gegründet, und er hat ihn erhalten und betreut. Eine unvorstellbare Arbeit war damit verbunden, ihn zu leiten und ihm die Regeln zu geben, unzählige Wesen zu belehren, zu ermahnen und zu ermuntern. Es war dies eine Aufgabe, die der eines Kaiserkönigs ähnelte, nur erstreckte sich das Reich des Buddha nicht nur auf diese Welt, und er half auch nicht nur dieser Welt. So wurden von ihm, weit mehr noch als von einem Landesvater, der den Erdkreis betreut, die väterlichen Qualitäten gefordert: Fürsorge, Verantwortung, Weitblick, Verständnis, Kraft, Gerechtigkeit und Liebe. Den Menschen, die Heim und Familie verließen und seine Schüler geworden waren, ihnen bot er eine andere Heimat, eine andere Geborgenheit, ein anderes Vorbild.
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