Eine der wichtigsten Aufgaben eines Ordensgründers und geistigen Lehrers ist es, für den Fortbestand der Lehre zu sorgen und sie so gut wie möglich vor dem Untergang zu bewahren.


Da sagt nun der Buddha: So wie die riesige Wassermasse des Meeres ein Schiff nicht zum Untergang bringen könne, wenn es wasserdicht sei, ebenso könne noch so viel Unheil und Ungünstiges in der Welt sein, aber es schade der Lehre nicht. Und ebenso wie bei einem Leck im Schiff das Wasser eindringe und es zum Sinken bringe, ebenso gehe der Orden nur von innen her unter, wenn die Mönche selber verderben und die Nachfolge aufgeben. Der Buddha wird nun nicht müde, dies geradezu einzuprägen, dass nie die äußeren Verhältnisse den Orden bedrohen, sondern immer nur die inneren Mängel der Mönche selber. Er kenne nichts, was mehr zu Untergang der Lehre führe als: Nachlässigkeit, Trägheit, Ungenügsamkeit, mangelnde Achtsamkeit, geistige Wirrnis, schlechte Freunde, Ausübung unheilsamer Dinge und Nichtausübung heilsamer.

Folgendes führt zum Untergang der Lehre: Die Mönche lernen die Reden ohne Verständnis und werden durch falschen Wortlaut irregeführt; sie können keine Kritik vertragen, sind widerspenstig; die Erfahrenen lassen andere nichts lernen und sterben mit ihrem Wissen hinweg; die Ordensälteren sind lässig und lau in der Nachfolge; der Orden ist gespalten, und man beschuldigt sich gegenseitig: Das führt zum Untergang.

Wohl kein anderer Religionsgründer als der Erwachte hat im Voraus so realistisch die Bedingungen für den Untergang seines Ordens und die Überwucherung des Pfades zur Wahrheit durch den Dschungel der Triebe genannt und dafür sogar den genauen Zeitpunkt angegeben. Um so mehr verwandte er – jenseits der Fessel des Eifers stehend – sein ganzes Leben in vollendeter Klarheit und Tatkraft darauf, möglichst vielen Wesen so tief wie möglich den Weg zur Wahrheit zu zeigen. Und den Orden, den er als die fruchtbarste Stätte hierfür gegründet hatte, war er in Belehrung und Ordnung, Schlichtung und Fürsorge, Lob und Tadel, Mahnung und Ermunterung, liebreicher Hilfe im Einzelfall, Zuflucht in Nöten bis zur Betreuung von Kranken ein Vater, wie die Welt in unserer geschichtlichen Zeit keinen gesehen hat, ein Vater, der nicht nur nach den "Sternen" sah, sondern weit über sie hinaus, und doch bis zu den kleinen Nöten der strebenden Menschen für sie Acht hatte, dass sie auch nicht auf den "Gassen" strauchelten.

Von den großen Jüngern überlebten Mahakassapo, Anuruddho, Anando und Upali ihren Meister. Bei ihnen lag nun die Fürsorge für Lehre und Ordnung. In der Lehre und Ordnung lebt der Erwachte fort, getreu seinem Ausspruch: "Wer die Lehre sieht, der sieht mich."

Der Buddha hatte keinen Nachfolger für die Lenkung des Ordens eingesetzt, sondern den Mönchen erklärt, nach seinem Erlöschen sollten sie die Lehre und Ordnung als ihren Meister ansehen. Und er nannte zehn Eigenschaften, an welchen sie den Geheilten, den Verehrungswürdigen erkennen sollten (Majjhima Nikaya Nr. 108).

Die natürliche Verehrung der Menschen, der Anhänger und Mönche, konzentrierte sich in der Folgezeit vor allem auf  Mahakassapo, weil ihn der Erwachte besonders ausgezeichnet hatte. Und so wird es verständlich, dass man ihn in der Überlieferung als ersten Patriarchen verehrte. Mahakassapo hatte den Entschluss gefasste, ein Konzil einzuberufen und sich für Rajagaha als Abhaltungsort der Synode entschieden, wo die Herrschaft von König Ajatasattu den Schutz der Versammlung gewährleisten würde. So wanderte man also dorthin. In der Magadha-Hauptstadt eingetroffen, brachten die Bhikkhus einen Monat damit zu, sich Regenhütten zu errichten und verfallene ältere Viharas wiederherzurichten. An dem Konzil sollten alle noch lebenden Geheilten teilnehmen, sonst niemand. Die einzige Ausnahme sollte für Anando gemacht werden, weil er als Kenner der meisten Lehrreden für das Konzil schlechthin unentbehrlich war. Als aber das Konzil der Geheilten unmittelbar vor der Tür stand, machte Anuruddho den Vorschlag, Anando nur dann zuzulassen, wenn er die letzten Triebe überwunden habe und ein Geheilter geworden sei. Mit diesem heilsamen Ultimatum leistete Anuruddho seinem Vetter und Freund eine entscheidende Hilfe. Anando setzte nun alle Kräfte ein und übte sich derart stark in den vier Pfeilern der Achtsamkeit, die ganze Nacht hindurch, dass er am Morgen, als er sich eben hinlegen wollte, die letzten Triebe aufhob. So hatte sich erfüllt, was sein Meister ihm angekündigt hatte: Anando war einer der Geheilten geworden. Am nächsten Tag begann in einer Felsengrotte unweit vom Bambuspark das Konzil, das sieben Monate dauerte. Das Konzil bestand aus drei Hauptteilen:

Als erstes befragte Mahakassapo den größten Kenner der Ordenszucht, der Disziplin und Ethik, nämlich den Sakyer Upali, über die Entstehung und den Gehalt jeder einzelnen Regel, die im Laufe der fünfundvierzig Jahre vom Buddha erlassen wurde. So wurde der Vinaya als erster Teil des späteren Palikanon festgelegt, jedenfalls in den Grundzügen des Patimokkha.

Der zweite und umfangreichste Teil des Programms war dann die Festlegung der Lehrreden. Auch hier war Mahakassapo der Frager. Und die Antworten kamen diesmal von Anando, der mit seinem selbst für indische und asketische Verhältnisse ungewöhnlichen Gedächtnis sämtliche Lehrreden des Buddha schon nach einmaligem Hören auswendig konnte. Als erstes fragte Mahakassapo nach denjenigen Lehrreden, die in jüngster Zeit vom Erwachten und den Jüngern gehalten wurden – und das waren gleichzeitig die längsten. Daraus ging später die sogenannte "Länger Sammlung" (Digha-Nikaya) hervor: Die Reden sind bis auf Nr. 4 dadurch gekennzeichnet, dass sie nicht mehr in der Herrschaftszeit von König Bimbisara gehalten wurden, also höchstens bis acht Jahre vor dem Tod des Buddha zurückreichten. Als zweites folgten dann die Reden, die später als "Mittlere Sammlung" (Majjhima-Nikaya) bekannt wurden, sowie die "Gruppierte" (Samyutta-Nikaya) und "Angereihte Sammlung" (Anguttara-Nikaya). Der Grundstock der Lehrredenüberlieferung des Palikanon wurde also schon damals, nur ca. ein halbes Jahr nach dem Tod des Buddha (483 v. Chr.), gelegt, in siebenmonatiger Arbeit einer Versammlung von Hunderten von Erwachten.

Den dritten Programmpunkt bildeten die Dinge, die der Buddha Anando als Vermächtnis hinterlassen hatte. Er sagte, der Meister habe gestattet, die kleinsten Regeln aufzuheben. Als selbst die Geheilten sich nicht einigen konnten, was unter diesem Begriff zu verstehen sei, machte Mahakassapo folgenden Vorschlag: Wenn sie jetzt auch nur eine einzige Regel aufhöben, würden die Anhänger meinen, sie seien nach dem Tod des Meisters lässig geworden. Und da nun nicht eindeutig feststehe, welche Regeln überhaupt aufgehoben werden dürften, sei es das Beste, überhaupt keine aufzuheben. Dem stimmten alle zu.

Zu jener Zeit kam der ehrwürdige Purano mit einer größeren Schar von Mönchen nach Rajagaha und zur Grotte des Konzils. Die Mönche dort erklärten ihm die Festlegung der Lehrreden und forderten ihn auf, sich dieser Rezension anzuschließen. Er aber erwiderte, es genüge ihm, die Lehre in der Form im Geist zu behalten, wie er sie selber aus dem Mund des Meisters gehört habe.

Upali überlebte den Buddha noch dreißig Jahre und war allerseits als die Spitze der Kenner des Vinaya anerkannt. Von ihm leitete sich eine Linie der Bewahrer des Vinaya ab, in deren Reihenfolge Asokas Sohn Mahinda als sechster stand.

Nach dem Tod Mahakassapos wurde Anando der zweite Patriarch, der Behälter der Lehre, der Bewahrer der getreuen Überlieferung. Von ihm leitet sich die Reihe der Patriarchen ab, deren achtundzwanzigster Bodhidharma war, welcher um 500 n. Chr. als Missionar nach China ging. Anando überlebte den Buddha noch vierzig Jahre, starb hochbetagt mit einhundertzwanzig Jahren.

Hundert Jahre nach dem Tod des Buddha kam es in Vesali zum zweiten Konzil, das acht Monate dauerte. Bei ihm ging es ausschließlich um Fragen der Ordenszucht. Dass keinerlei Meinungsverschiedenheiten über den Wortlaut der Lehrreden zur Beratung anstanden, ist ein Zeichen dafür, wie sicher und fest die beim Konzil der Geheilten sechs Monate nach dem Erlöschen des Erwachten wörtlich festgelegten Lehrredentexte auswendig bewahrt waren. Einige Mönche der Vajjiner befürworteten eine lässigere Disziplin und stellten zehn Punkte auf, die der Sinnlichkeit Tür und Tor geöffnet hätten, insbesondere sollte Mönchen die Annahme von Geld erlaubt werden. Mühsam wurde diese Opposition eingedämmt. Dieser Bericht über das zweite Konzil ist das späteste historische Ereignis, über welches der Palikanon berichtet.

Nach dem Bericht im Mahavamsa V, 3 spalteten sich damals die ersten Mönche ab, es waren die Lässigeren, die das Konzil von Vesali nicht anerkennen wollten. Da es eine große Gruppe war, erhielt diese Splittergruppe den Namen Maha-samghika. Der Bestand des Ordens, in dem immer noch, den Lehrreden getreu, die Nachfolge auf dem Achtpfad gelehrt wurde, blieb davon aber noch überschüttert.

In der Zeit zwischen dem zweiten und dritten Konzil, das erst um ca. 251 v. Chr. unter dem Patronat des großen indischen buddhistischen Kaisers Asoka Moriya in Pataliputta stattfand, bildeten sich dann unaufhaltsam weitere Gruppen, und zwar außer der orthodoxen Lehre der Älteren (Thera-vado) insgesamt siebzehn weitere. Diese Gruppen gingen zunächst daraus hervor, dass sich in den weit auseinanderliegenden Orten Eigenarten herausgebildet hatten, zum Beispiel dass hier mehr Reden der Mittleren Sammlung gepflegt und rezitiert wurden. In dieser Frühzeit mag der Ausspruch, den der Mönch Vasumitra dem Buddha in den Mund legt, Geltung gehabt habe:

"Diese Schulen werden die Bewahrer der verschiedenen Früchte meiner Reden sein, ohne Überordnung und ohne Unterordnung, gleichwie etwa das Wasser des Meeres überall denselben Geschmack hat oder gleichwie zwölf Söhne eines Mannes alle gleicherweise ehrbar und treu sein können: Ebenso nun auch wird die Erklärung meiner Lehre von diesen Schulen gepflegt."

Erst allmählich wurden die Unterschiede dogmatisch fundiert, und erst langsam kam es zu unterschiedlichen Rezensionen der Überlieferung, und erst von nun an kann man von der Entstehung von Sekten im eigentlichen Sinn sprechen. Die weitere Geschichte des Buddhismus ist nichts anderes als einerseits eine Geschichte des Bemühens, der vollkommenen Wirklichkeitsschau des Gründers die Treue zu halten und aus Abirrungen immer wieder zu ihr zurückzukehren, und andererseits eine Geschichte des offenen oder getarnten Verfalls und Abfalls von der Lehre.

Noch ist die vom Buddha wiederentdeckte alte Stadt "Die befreiende Wahrheit" und der Pfad zu ihr vom Dschungel der Meinungen und Triebe nicht wieder ganz verschlungen. Noch sind wir nicht in der Situation jener sechzig Weltzeitalter, die nach den alten Berichten ohne vollkommen Erwachte dem Daseinskreislauf ausweglos ausgeliefert waren. Jeder, der sich ungeborgen und ungesichert fühlt in dieser Existenz, der kann auch heute noch den "Löwenruf" vernehmen:

"Geöffnet sind zum Todlosen die Tore.

Wer Ohren hat zu hören, komm und höre."


 

Anhang: Die historischen Konzile

 

1. Buddhistische Konzil, 483 vor unserer Zeitrechnung in Rajagaha (Indien).

Dauer: 7 Monate. Mahakassapa hatte die Führung des Sangha und Leitung des Konzils. Upali: Referierung und Rezitation der Ordensregeln (Vinaya). Ananda: Referierung und Rezitation der Lehrreden (Sutta). Fünfhundert geheilte Mönche anwesend.

2. Buddhistische Konzil, 383 vor unserer Zeitrechnung in Vesali (Indien).

Zweck: Unstimmigkeiten über die Einhaltung von ethischen Regeln für Ordinierte. Bei einigen Vajji-Mönchen von Vesali hatte sich der Brauch eingebürgert, Laienbekenner zu Gold/Geldspenden aufzufordern und diese dann unter den Mönchen aufzuteilen. Der Gelehrte Revata bekam von den Regelverstößen berichtet und nahm zum Ziel, die Reinheit der Vinaya-Regeln wiederherzustellen, indem er ein Konzil von siebenhundert Mönchen aus allen Teilen des Landes nach Vesali einberief.

Ziel des Konzils war es, die Ordensdisziplin und das genaue Festhaltens an der Überlieferung der Lehre des Buddha zu sichern. Die Konzilteilnehmer nannten sich zur Betonung dieser Punkte die "Theravadins" (Bekenner der alten Lehre). Die Vajji- Mönche von Vesali organisierten ein Gegenkonzil.  

3. Buddhistische Konzil, 251 vor unserer Zeitrechnung in Pataliputta (Indien).

Zur damaligen Zeit regierte der große Buddhismus-Unterstützer Kaiser Asoka. Moggaliputta Tissa hatte den Vorsitz der tausendköpfigen Synode. Thema: Systematisierung der Lehre des Buddha. Abgrenzung der Lehre gegenüber Irrlehren. In neunmonatiger Arbeit revidierte das Konzil den Kanon aufs Neue. Das Buch "Moggaliputta" über die 254 irrigen Ansichten wurde aufgenommen. Den beiden Sammlungen "Vinaya" (Ordensregeln) und "Sutta" (Lehrreden) also ein scholastisches Werk angefügt. Durch weiter dazukommende scholastische Bücher entstand in den folgenden zwei Jahrhunderten schließlich als dritte Sammlung der "Abidhamma".

Kaiser Asoka ist es zu danken, dass uns der Pali-Kanon bewahrt geblieben ist. Asoka war es, der durch seinen Sohn Mahinda die Insel Ceylon (Lanka) zum Buddhismus bekehrte und damit dem Dhamma eine Heimat schuf, die alle historischen Krisen überdauerte. In den Klöstern der Insel wurde der Kanon in der Pali-Sprache im Gedächtnis bewahrt, bis die Mönche ihn im 1. Jahrhundert v. Chr. auf den getrockneten Blättern der Talipot-Palme niederschrieben.

4. Buddhistische Konzil, ca. 1. - 2. Jh. n. Chr..

Unter dem Kusana-Herrscher Kaniska (1. oder 2. Jh. nach unser Zeitrechnung) wurde das Vierte Buddhistische Konzil einberufen. Damals gab es 18 Schulen des Buddhismus. Führend waren beim Konzil die Sarvastivadins. Teilgenommen haben sollen 500 Mönche unter Leitung von Vasumitra. Der Kanon wird hier angeblich schriftlich fixiert, d.h. auf Kupferplatten eingeritzt, die allerdings nie gefunden wurden.

Konzil 1788

König Phuttayodfa Chulalok von Siam berief 1788 ein eigenes Konzil im Wat Phra Si Sanphet ein, mit dem erklärten Ziel, die Pali-Texte zu revidieren. Basierend darauf erschien unter Anregung von König Chulalongkorn (Rama V.) 1893-94 die erste vollständige Druckausgabe in siamesischer Schrift in 39 Bänden in Bangkok, die wiederum als Vorlage für Karl Eugen Neumanns deutsche Übersetzung diente.

5. Buddhistische Konzil, 1871 n. Chr. in Mandalay (Burma).

Unter der Leitung von Mahathera Jagarabhivamsa rezitierten fünf Monate lang 2400 Mönche und Nonnen den Tipitaka, um zu einem bereinigten Text zu kommen.

Eingravierung des Palikanons in 729 Marmortafeln. Sie wurden im Bereich der Kuthodaw-Pagode in der 1857 von König Mindon Min neu gegründeten Hauptstadt Mandalay aufgestellt. Die Tafeln sind heute noch vorhanden.

6. Buddhistische Konzil , 1954-1956 n. Chr. in Rangoon (Burma).

Abgehalten zur 2500-Jahrfeier des Verlöschens des Erhabenen. Das sechste Konzil versuchte Unstimmigkeiten zwischen den bekannten Abschriften zu bereinigen. Grundlage dafür waren die Version des Palikanon aus dem 5. Konzil in Mamor und verschiedenen anderen Versionen. Als Versammlungshalle wurde die Höhle des ersten Konzils nachgebildet. Es nahmen Mönche aus allen Ländern des Theravada teil. Zum ersten Mal waren hier auch westliche Mönche anwesend, aus Deutschland Nyanaponika und Nyanatiloka.