Es gibt verschiedene Ehegeschichten im Palikanon, die allerdings aus vielen Mosaiksteinen, das heisst, aus den verschiedenen Sammlungen des Pali-Kanons zusammengestellt werden müssen.

Hellmuth Hecker hat das in dem Buch "Ehe und Mystik in Ost und West" getan.

 

Im Gangestal in Mittelindien liegt das Gebiet des Volkes der Bhagger mit der Hauptstadt Sumsumaragiri. Als der Erwachte eines Tages auf dem morgendlichen Almosengang durch die Straßen der Stadt schritt, warf sich ihm plötzlich ein Bürger zu Füßen und rief weinend aus:

"O mein teurer Sohn, weshalb hast du dich niemals mehr bei deinen alten Eltern sehen lassen? Nun aber komme mit in unser Haus, damit auch deine alte Mutter dich sehe."

Dieser Mann war nicht etwa sinnesverwirrt, sondern er und seine Frau waren nicht nur einmal oder zweimal, sondern oft und oft, ja Hunderte Male in früheren Leben die Eltern des jetzigen Erwachten gewesen. Ein Schimmer der Erinnerung daran hatte sich bei dem Mann noch erhalten, und beim Anblick des Erwachten war es aus der Tiefe des Gedächtnisses zum Bewußtsein gekommen, wie es auch heute noch aus Asien hie und da berichtet wird.

Dieser Mann war der Hausvater Nakula (Nakula-pita), der Gatte der Hausmutter Nakula (Nakula-mata). Beide werden vom Erwachten unter den 75 Spitzen der Jüngerschaft genannt, und zwar bei den im Hause lebenden Anhängern als diejenigen, welche einander die größte Treue hielten. Die Berichte des Kanons, so knapp sie auch sind, zeigen uns doch deutlich das Bild einer überirdischen Liebe, deren Treue zueinander im gemeinsamen Vertrauen zur Lehre des Erwachten verankert war.

Nachdem die beiden beim ersten Besuch des Erwachten in ihrem Hause Zuflucht genommen hatten, war dieser nun gelegentlich bei ihnen im Hause zu Gast. Bei einer dieser Gelegenheiten äußerte Nakulapita den Wunsch, dass er und seine Gattin sich nicht nur in diesem Leben sehen, sondern sich auch im nächsten Leben sehen werden. Nakulamata drückte denselben Wunsch aus. Beide baten den Erwachten, ihnen die Bedingungen zu nennen, unter welchen ein solches Wiedersehen im nächsten Leben, sei es als Mensch, sei es im Jenseits, möglich wäre. Der Erwachte wies diese Frage nun keineswegs ab. Er sagte nicht, dies sei ein sinnliches Anhangen, das man überwinden müsse, sondern er antwortete:

"Wünschen zwei Gatten, sich in diesem Leben zu sehen, sich in jenem Leben zu sehen, so sollen sie nur gleiches Vertrauen pflegen, gleiche Tugend, gleiches Zurücktreten, gleiche Weisheit. Dann werden sie einander in diesem Leben sehen und in nächsten Leben sehen"

Von den fünf Herzenseigenschaften, die die Lehrnachfolger im Hause erwerben (Vertrauen, Tugend, Lehrkenntnis, Zurücktreten, Weisheit), werden hier nur vier genannt, nämlich ohne die Lehrkenntnis zu erwähnen. Wie aus anderen Texten hervorgeht, wurden beide Gatten Stromeingetretene (Anguttara Nikaya VIII/91), was eine gehörige Lehrkenntnis erfordert. Aber hier ist wohl gemeint, dass diese gegenüber den anderen Eigenschaften zurücktrat und durch besonders starkes Vertrauen kompensiert wurde.

In dem obiger Lehrrede vorangehenden Text belehrte der Buddha eine Schar von Ehepaaren darüber, wie ein Edler mit einer Edlen zusammenlebt, wörtlich wie ein Engel (devo) mit einem Engel (devi) zusammenlebt. Das ist der Fall, wenn beide nicht nur die fünf Tugendregeln innehalten, sondern dass sie mit einem vom Makel des Geizes freien Gemüte im Hause leben und Asketen und Brahmanen nicht beschimpfen und verachten, sondern ihnen gern Almosen spenden.

Betrachten wir diese Aussagen näher, so erkennen wir, dass der Erwachte hier eine starke religiöse Gesinnung voraussetzt, eine Herzensverfassung, die nicht am Gemeinen hängt und das Alltägliche nicht überschätzt. Oft und oft wird in den Lehrreden hervorgehoben, dass ein Jünger des Erwachten im Hause freigiebig die Mönche unterstützt, Freude am Loslassen hat. Darin zeigt sich ein innerer Abstand gegenüber dem Andrang der sinnlichen Begegnungen, ein Loslassenkönnen des Besitzes. Daraus geht dann jene Freiheit hervor, die die Weisheit wachsen lässt. Heilsvertrauen, Tugend, Zurücktreten, Weisheit - das führt zu einer harmonischen Umgebung, zu sanfter Begegnung. Dazu gehört auch, dass als karmische Ernte das Leben immer weniger von Katastrophen bedroht wird, dass die Gatten nicht vorzeitig sterben und, vor allem, dass sie die sicherer Gewissheit haben dürfen, lange Zeiten auch im Himmel zuammenleben zu können.

Weil das Wissen um die Fortexistenz und die Wege zu einer guten Wiedergeburt damals in Indien Gemeingut des Volkes war und weil zudem Nakulapita noch eine Rückerinnerung an frühere Leben mit seiner Frau bewahrt hatte, darum brauchte der Erwachte keine große Begründung und Darlegung zu geben, sondern es genügte jene kurze Antwort.

Die Bedingungen für eine harmonische Ehe nennt der Buddha noch ausführlicher in der Rede "Singahalakos Ermahnung (Digha Nikaya 31): Der Ehemann soll seine Frau mit Achtung behandeln, nie mit Verachtung ("die Weiber"), er soll nicht untreu sein, nicht ausschweifen, er soll seine Gatten niemals anherrschen (anbrüllen), er soll ihr genügend zum Unterhalt reichen. Handelt er in dieser fünffachen Weise, dann nimmt die Frau sich seiner ebenfalls in fünffacher Weise an: Wohl bestellt ist das Hauswesen, wohl erzogen das Gesinde, Ehebruch liegt völlig fern, das Vermögen wird behütet und fleißig wird die Arbeit verrichtet.

Das Ehepaar Nakula befaßte sich aber nicht nur mit dem Gedanken an die Fortexistenz, mit Rückerinnerung und guter künftiger Wiedergeburt, sondern fragte auch nach den Grundproblemen der Existenz, nach der Erlösung aus dem Kreis der Wiedergeburten. So stellte Nakulapita einmal die Frage an den Erwachten, warum manche Menschen schon zu Lebzeiten die Erlösung verwirklichten, andere aber nicht. Er erhielt die Antwort: Wer bei den sechs Sinnesobjekten noch geistig zugreift, sie positiv bewertet, genießt, grob oder fein, der kommt nicht zu Lebzeiten zur Triebversiegung. Das ist eine Antwort, die in ihrer lapidaren Kürze nur einem fest in der Lehre Stehenden etwas sagt. Selbst ein Nichtwiederkehrer greift ja noch bei Vergänglichem zu, wenn auch sehr verfeinert, aber er kann dann eben nicht schon zu Lebzeiten heilig werden.

Ein anderer Text, der Nakulapita im Alter zeigt, berichtet davon, dass er von einer Krankheit befallen, leidend darniederlag und wie sein Frau ihn wieder aufrichtet, unter anderem zu ihm sagt: "Möchtest du doch, Hausvater, nicht voller Sorgen dahinscheiden! Qualvoll stirbt man, o Hausvater, wenn man voller Sorgen ist. Getadelt hat der Erhabene den sorgenvollen Tod." Und sie zählt verschiedene Möglichkeiten des Sorgenmachens bei ihrem Mann auf, die alle sie selbst nach seinem Tod betreffen und zertstreut seine Ungewissheit. Dermaßen aufgerichtet, legte sich seine Krankheit. Er begab sich danach zum Erhabenen und berichtet ihm davon. Und der Erhabene sprach zu Nakulapita, dem Hausvater:

"Heil dir, o Hausvater! Gut hast du es getroffen, o Hausvater, der du in der Hausmutter Nakulamata eine so fürsorgliche, auf dein Wohl bedachte, Zuspruch gewährende Beraterin gefunden hast."

In den Schriften gibt es noch einige andere Ehegeschichten, viele davon spielen in Savatthi, der Hauptstadt von Kosalo, wo der Buddha die letzten 20 Regenzeit-Klausuren verbrachte und daher den größten Einfluss auf die Laiengemeinde ausüben konnte.

Interessant sind z.B. auch die Ehegeschichten von:

  • Anathapindiko (dem größten Gönner des Buddha) und seiner Ehefrau Punnalakkhanadevi
  • Visakha (der größten Gönnerin des Buddha) und ihres Ehemannes Punnavaddhano
  • Sona Bahuputtika und ihr Mann
  • Samavati und König Udeno
  • Sujata und Kalo
  • Upako und Capa
  • Bodhi und Samillabhasini
  • Suppiyo und Suppiya
  • Mallika und König Pasenadi.