Der Mond fiel´ eher vom Himmel zur Erde,

die Erde würd´ eher aufhören zu drehen,

die Flüsse zögen eher stromaufwärts,

als dass die Erwachten man hindern werde.

(Mahavastu)

 

Am folgenden Morgen fühlte der Bodhisatta, dass er jetzt dem Ziel nahe sei, und begab sich auf den Almosengang nach Uruvela. Dort erhielt er von einer Frau namens Sujata eine ganz besondere Speise. Der Bodhisatta hatte sich unter einem Baum niedergelassen und als sie ihn in seiner majestätischen Haltung und Schönheit erblickte, hielt sie ihn für einen Baumgott und spendete ihm Milchreis, den er auch annahm – es war dies die letzte Mahlzeit für längere Zeit, und zwar diejenige Mahlzeit, die der Erwachung vorausging.

Über die praktischen Übungswege, die der Bodhisatta zuvor beschritten hatte, besteht eine verwirrende Fülle von Schilderungen, die offenbar verschiedene Ansatzpunkte und Zugänge zu den erstrebten Entrückungen nennen. Diese Übungen lassen sich in etwa vergleichen mit der via purgativa (Läuterungsweg) und der via illuminativa, die in der Mystik aller höheren Religionen zu finden sind, dem Weg überweltlicher Erfahrungen. Er hatte z.B. immer den Gedanken gehegt, die Entsagung und Einsamkeit sei etwas Gutes. Als sich das Herz aber nicht gesammelt habe, da habe er als Grund erkannt, dass er das Elend der Sinnendinge noch nicht gründlich genug erkannt und betrachtet habe, und den Segen des Loslassens sich noch nicht genug vor Augen geführt habe. Als er dies tat, fühlte das Herz bald einen Drang zum Loslassen, neigte dahin und fand Beruhigung im Herzensfrieden. So habe er die Entrückungen und weiteren Vertiefungen erlangt. Ferner übte er Gedankenkontrolle, indem er zunächst alle Erwägungen, die zu eigener, fremder oder beider Beschwer führen, nämlich die Erwägungen des Begehrens, des Übelwollens und der Gewalt, bis zu den feinsten Resten hin nach der Seite des Negativen ab und die Gedanken der Sinnensucht-Freiheit, des Wohlwollens und der Gewaltlosigkeit nach der positiven Seite. Wenn ihm nun üble Gedanken kamen, dann sagte er sich, dass diese zu eigener und fremder Beschwer führen, die Weisheit ausroden, Verstörung mit sich bringen und eben nur den Samsaro mit seinem Leiden fortsetzen und nicht zum Nirvana führen. So entwertete er sie. Und da die Triebe nichts als frühere Werturteile sind, fixierte Bezüge zu dem positiv Bewerteten, so löste er sie jetzt in dieser Weise restlos auf. Und das Herz neigte sich dadurch zu völliger Reinheit hin.

Am Nachmittag begab sich Gotamo vom Flussufer in den Wald und schritt auf einen Baum zu, um sich dort niederzulassen. Es war der Bodhi-Baum (er heißt in der Botanik "Ficus religiosa", die religiöse Feige, so die Erinnerung an den Erwachten bewahrend). Er setzte sich gen Osten, also mit dem Rücken zum Sonnenuntergang, dem Sonnenaufgang des nächsten Tages entgegen. Er hatte in den letzten Wochen Wohl um Wohl erfahren und war in den Entrückungen gut geübt, aber das jetzt aufkommende Gefühl war anders, war gerichteter und endgültiger. Es war eine Weihestimmung nie gekannter Art. Und es war dies sein fünfunddreißigster Geburtstag, der Vollmondtag im Frühlingsmonat Vesakh, was unserem Mai entspricht.

Jedoch sollte der Frieden noch einmal gestört werden. Als sich nämlich der Bodhisatta zu seiner entscheidenden Meditation hinsetzte, da fühlte Maro seine Herrschaft bedroht. Maro, das Wort heißt wörtlich "Der Tod", bedeutet aber in dem buddhistischen Texten das Prinzip des Bösen, der Feind der Erwachung schlechthin, der Teufel (Diabolus = der Durcheinander-Werfer), der Herr dieser Welt und der Fürst der Höllen: Er ist letztlich die Verkörperung und die Summe aller "die Welt" hervorbringenden Triebe und somit die Verkörperung des Samsaro, d.h. der Leidenswelt. Maro merkte, dass sich der Bodhisatta anschickte, ein Buddha zu werden und der Welt den Schleier hinwegzunehmen. Da rief er seine Dämonenscharen (Symbole der Triebhaftigkeit) herbei und zog an der Spitze seines Heeres zum Bobaum, um den Bodhisatta an der Erwachung zu hindern. Die buddhistische Literatur und Kunst hat diesen Ansturm Maros in den buntesten Farben ausgemalt.

Doch Gotamo beendet einen Wortwechsel mit Versen:

"Die Gegenstände, die sind leer,

ich nehme nirgends Wesen wahr,

nicht Maros, kein Verletzen auch,

und da auch das "Ich bin" beendigt,

so hast du, Böser, keine Macht."

Da verstummte Maro und er und seine Scharen flohen davon.

Inzwischen war es Abend geworden. Der Bodhisatta hatte sich im Lotossitz zur Meditation niedergelassen. Die vier Entrückungen durchlaufend, hatte er gesehen, dass von dort der Weg zur Überwindung von Form, Raum und Zeit offen ist. Und er hatte gesehen, dass durch sie das Aussteigen aus dem Körper möglich ist. Aber diese beiden Wege führten noch nicht zu dem gewünschten Ziel, der Durchschauung des gesamten Daseins und zur Befreiung.

Darum richtete er zuerst seine Fähigkeiten auf die Vergangenheit, denn die erste der tieferen Fragen heißt ja: Woher kommt das alles, warum ist alles so, wie es ist, warum erlebe ich so und nicht anders?

In den ersten Nachtstunden von sechs bis zehn erlebte er nach rückwärts die Zeitlosigkeit. Er erfuhr hier, was er bisher nur felsenfest geglaubt hatte: Die Tatsache der Wiedergeburt, die Realität der Fortexistenz. Das Vertrauen war vorangegangen, die erfahrende Weisheit bestätigte es. Er sah jetzt, wie er aus dem Tusita-Himmel in dieses Dasein gekommen war, er sah, wie oft er in seinen früheren Leben Asket gewesen und in der Brahmawelt und der formlosen Welt gewesen war – wie er aber wieder abgesunken war. Er sah, wie nah und fern er früheren Buddhas gewesen sah, er sah, wie oft er mit seinen Eltern, seiner Frau, seinem Sohn und anderen zusammen gewesen war. Er sah, wie die Welten entstehen, die Wesen sich vergröbern. Er sah, wie die materiellen Welten verglühen, wenn die Wesen reiner werden. Er sah das Gesetz der Welten. Das war das erste Wissen, der erste Durchbruch.

Dann erkannte er das Karmagesetz, das er bei der Rückerinnerung bei sich selbst erfahren hatte, bei den anderen Wesen. Er sah, wie sie alle getrieben sind von unsichtbaren Kräften, wie sie sich selber Himmel und Hölle bereiten in aller Endlosigkeit. Er sah, wie die Wesen hier sterben und sofort irgendwo wiedererscheinen, wie alles in fließendem Übergang steht. Das war das zweite Wissen, der zweite Durchbruch.

Im letzten Drittel der Nacht, als es gegen Morgen ging, von zwei bis sechs Uhr, erlangt der Erwachte dann das entscheidende Wissen, welches die Konsequenz aus den beiden vorangehenden Wissen zog. Das ist jenes Wissen, welches allein die Buddhas entdecken, während die beiden bisherigen wissen auch von anderen Asketen erlebt und erfahren werden können. Dieses dritte Wissen wird samt der Erlösung und Wissensklarheit der Erlösung vom Erwachten in den Lehrreden wie folgt umschrieben:

"Nachdem nun so mein Herz  beruhigt war, gereinigt, geläutert, befreit von Willkür, losgelöst von Befleckung, sanft, fügsam, vollkommen still geworden war, richtete ich mein Denken auf die Erkenntnis des Versiegens der Beeinflussbarkeit, der Triebe. Und ich erkannte: 'Dies ist das Leiden', erkannte ich der Wirklichkeit gemäß. 'Das ist der Ursprung des Leidens', erkannte ich der Wirklichkeit gemäß. 'Das ist die Leidensauflösung', erkannte ich der Wirklichkeit gemäß. 'Das ist die zur Leidensauflösung führende Vorgehensweise', erkannte ich der Wirklichkeit gemäß."

"Und ich, der ich, selber Geburt, Alter, Krankheit, Tod, Schmerz und Schmutz unterworfen, die davon freie, unvergleichliche Sicherheit, das Nirvana suchte, fand die geburtslose, alterslose, krankheitslose, todlose, schmerzlose, schmutzlose, unvergleichliche Sicherheit, das Nirvana. Die klare Gewissheit ging mir auf:

'Für ewig bin erlöst ich,

das ist das letzte Leben,

und nicht mehr gibt es ein Wiedersein.'"

Das, was er bei seiner Geburt verkündet hatte, das war nun erreicht.

"Erreicht ist von mir

dieser Heilsstand,

dieser tiefe, verborgene,

schwer zu erobernde,

stille, erhabene,

nicht denkbar,

unantastbar,

nur dem Überwinder erfahrbar."

Alles, was wie eine Wanderung durch einen anfangs- und endlosen Samsaro erscheint, das ereignet sich doch allein gegenwärtig im Geiste. Zeit, Raum und Kausalität – das alles ist ein Bewusstseinsvorgang und ein Bewusstseinsinhalt: ein Traum, ein Phänomen, ein Erscheinen von Dimensionen, die vom Geist als "Ich" und "Außen" projiziert werden. Das, was als ein Wanderer durch einen Samsaro erscheint, und das, was als Weltenwandel erscheint, das ist doch nur ein Erscheinen. Da ist kein Ich, kein Kern. Nur aus dem Wahn, dass in jenem Schattenspiel von Erleben dauerhaftes Glück erlebt werden könne, wird das Schattenspiel ergriffen und festgehalten. Wenn aber gesehen wird, dass es nur ein Leidensspiel ist, dann kann man mit der Kraft dieser Weisheit das ganze Schattenspiel einstellen: Und diesen Zweck hat der achtfältige Heilsweg.