Hatte der Bodhisatta die Klarheit über sein Lebensziel, die er bei seiner Geburt verkündete, und die Klarheit seines Entrückungserlebnisses vergessen, nachdem er im Luxus lebte?

Buddha redet zu seinen Jüngern von seiner Jugendzeit (im Anguttara Nikaya), und nachdem er von dem Überfluß gesprochen, der ihn in seinen Palästen umgab, fährt er fort:

"Mit solchem Reichtum, ihr Jünger, war ich begabt, in solch übergroßer Herrlichkeit lebte ich. Da erwachte in mir dieser Gedanke: 'Ein unwissender Alltagsmensch, ob er gleich selbst dem Altern unterworfen und von des Alters Macht nicht frei ist, fühlt Abscheu, Widerwillen und Ekel, wenn er einen anderen im Alter sieht: der Abscheu, den er da fühlt, kehrt sich gegen ihn selbst. Auch ich bin dem Altern unterworfen und von des Alters Macht nicht frei. Sollte auch ich, der ich dem Altern unterworfen und von des Alters Macht nicht frei bin, Abscheu, Widerwillen und Ekel fühlen, wenn ich einen anderen im Alter sehe? Das käme mir nicht zu.' Indem ich also bei mir dachte, ging mir aller Jugendmut, der der Jugend innewohnt, unter..."

Es folgt dieselbe Gedankenreihe, die eben Alter und Jugend gegeben war, jetzt in bezug auf Krankheit und Gesundheit, sodann auf Tod und Leben.

Wo diese drei Ereignisse des Lebens herrschen, da war kein Glück. Der dreifache Rausch, in dem er lebte, bestand eben darin, dass derzeit noch Jugend statt Alter, Gesundheit statt Krankheit, Leben statt Tod ihn umgaben und so den Anschein ungetrübter Dauer erweckten.

Die buddhistische Tradition hat diese existentielle Erfahrung in drei reale Begebenheiten einer Begegnung mit einem alten Mann, mit einem Kranken und einem Leichnam umgemünzt, oder besser gesagt, sie hat die Schilderung einer solchen realen Begegnung, wie sie in Digha Nikaya 14 von dem früheren Buddha Vipassi gegeben wird, auf unseren Buddha übertragen. Dabei vergaß man aber, dass das, was bei Vipassi und der längeren Lebenszeit der damaligen Menschen möglich war, nämlich einem Prinzen die Phänomene Alter, Krankheit und Tod lange Zeit vorzuenthalten, bei uns kurzlebigen Menschen völlig unmöglich ist. Der Bodhisatta von Kapilavatthu wäre kein Bodhisatta gewesen, wenn er nicht selber jene drei Phänomene gemerkt hätte, indem immer wieder Menschen seiner Umgebung starben, seine Verwandten alterten und Krankheiten auftauchten. Seine Gedanken kreisten immer wieder um jene drei Phänomene:

Alter: Das ist der Feind, der uns stündlich näher kommte, sich unserer bemächtigt und uns verwandelt, während wir glauben, immer noch dieselben zu sein. Merklich-unmerklich geschieht das Altern. Krankheit: Und die Gesundheit, merkte Siddhattha, ist auch nur ein schöner Traum, aus dem das Erwachen furchtbar ist. Noch grausamer als der erste Feind, das Alter, ist dieser zweite Feind, der plötzlich aus dem Hinterhalt hereinbricht und uns überfällt, dem Alter zuvorkommend und später mit ihm gepaart in eins übergehend. Sterben: Und er merkte, dass Alter und Krankheit nur die Vorstufen und Vorboten des Todes sind, dem jedes Lebewesen unterworfen ist.

Es liegt nahe, dass Siddhattha seine Gedanken seinem Vater anvertraute und mit ihm über das sprach, was ihn bewegte. Er hatte mit ihm das beste Verhältnis.

Und eines Tages, als er mit seinen Gedanken beschäftigt war, erblickte er einen Mönch. Er hatte schon oft Mönche und Pilger gesehen. Sie gehörten zum selbstverständlichen Bild jeder indischen Stadt. Dieser fiel durch eine unnachahmliche Gelassenheit auf und als er ihn danach fragte, sagte er: "Mein Ziel, Bruder, ist: Gemütsruhe und Erlösung."

Das erfreute den Bodhisatta, das schien ihm ein sinnvolles Ziel, er selber suchte ja das Gleiche.

Der äußere Anstoß, der ihn schließlich alle Zweifel an der Richtigkeit seines Zieles überwinden ließ, kam, als ihm nach dreizehn Jahren Ehe sein erstes Kind geboren wurde. Es war ein Sohn, der den Namen Rahulo erhielt. Im vorigen Leben hatte der Bodhisatta mit Rahulo im Tusita-Himmel zusammengelebt, und jetzt war dieser von dort abgeschieden und, wie schon so oft im Laufe der langen Wanderung durch das Dasein, bei ihm als Sohn erschienen. König Suddhodana strahlte vor Freude, dass ein Sohn die Dynastie fortsetzen werde, und er hoffte, dass der kleine Enkel seinen Sohn so fesseln würde, dass er seine Mönchsgedanken aufgeben würde. Aber das Gegenteil war der Fall. Der Bodhisatta gedachte der folgenden tieferen Zusammenhänge: Da habe ich nun dieses Wesen herbeigerufen, und es vertraut blind seinen Eltern, die ihn zum Menschen erziehen. Aber was dieses Wesen da eigentlich erstrebt und ersehnt, nämlich dauerhaftes Glück, das kann ich ihm nicht geben. Ich stehe ja selber noch ebenso im Leiden wie es und bin ebenso unwissend über den Ausweg wie es. Was wäre das denn für ein Vater, der unfähig ist, seinem Sohn das zu geben, was er im Grunde sucht?

Und ferner sah der Bodhisatta mit weisem Blick in dem Säugling vor sich das Bild eines Elend, das ihn selber noch immer wieder erwarten würde: Ein hilfloses Bündel von Trieben zu sein, abhängig von anderen, völlig unwissend und zu nichts fähig. Alle seine Erfahrung, all sein Wissen, alles, was menschlich und edel an ihm war, das würde er bald wieder völlig verlieren und wieder ganz von vorn anfangen - immer wieder diese Katastrophe des Gedächtnisschwundes und des Geistverlustes erleiden. So wurde ihm das Elend der Geburt offenbar, als ihm sein Sohn geboren wurde.

Sieben Tage nach der Geburt Rahulos, als er selber von seinem Vater feierlich zu seinem künftigen Nachfolger geweiht werden sollte, war sein Entschluss reif geworden. Darüber sagt er später:

"Und ich zog nach einiger Zeit, noch in frischer Blüte, glänzend dunkelhaarig, im Genusse glücklicher Jugend, im ersten Mannesalter, gegen den Wunsch meiner weinenden und klagenden Eltern, mit geschorenem Haar und Barte, mit fahlem Gewand bekleidet, vom Hause fort in die Hauslosigkeit."

Dieser Text dürfte so zu verstehen sein, dass er, um seinen Eltern herzzereißende Szenen zu ersparen, nachts fortgegangen ist, in aller Stille und mit vollem Bewusstsein, dass er diesen Schritt nur tun durfte um einer höheren Pflicht und Verantwortung willen. Es heißt, so wie ein Karawanenführer still weggeht, um den verlorenen Weg für alle wiederzufinden, damit sie nicht gemeinsam umkommen, so ging der Bodhisatta vom Hause fort.

Nach der Tradition ritt er zusammen mit seinem Wagenlenker Channo fort. Er sagte sich: "Jetzt beginnt die weiteste Reise, die ich je unternahm, weiter als vom Himmel zur Hölle oder von den Göttern zu den Menschen, nämlich die Reise zum Reiche der Todlosigkeit. Ich kehre nicht eher nach Kapilavatthu zurück, bevor ich nicht für mich und meine Lieben die höchste Erkenntnis gefunden habe und Geburt und Tod überwunden sind."

Als Yasodhara hörte, dass ihr Gatte sie verlassen hatte, da klagte sie sehr. Sie machte Channo zuerst den Vorwurf, dass er den Fortgang des Prinzen nicht gemeldet, sondern Beihilfe zur Flucht geleistet habe. Dann klagte sie ihren Gatten an, dass er sie nicht mitgenommen habe, so wie es in der indischen Tradition auch ein gemeinsames Waldleben der Entsagung gibt.

Der Bodhisatta aber zog inzwischen nach Süden, immer weiter fort von Kapilavatthu. Aus dem Prinzen Siddhattho Gotamo war jetzt der Asket Gotamo geworden.