Land
Der Raum,
in welchem der Buddha geboren wurde, liegt geografisch gesehen im Himalaya, im
heutigen Süd-Nepal. Sein Geburtsort lag in den Vorbergen des Himalaya in einer
lieblichen Landschaft zwischen dem ewigen Eis der höchsten Berge der Welt
einerseits und der Glut und Dürre der Ebene Indiens andererseits.
Aus den buddhistischen Schriften tritt uns das Bild einer städtischen Kultur entgegen.
Von Dörfern und Bauern ist zwar auch die Rede, aber vor allem die Städte bilden
die Kulisse der Mission des Buddha, sie sind die Schwerpunkte eines blühenden
merkantilen und politischen Lebens. Ihr gesellschaftliches Zentrum bildete der
ortsansässige Regierende, der Raja oder König, der in seinen Entscheidungen von der
Ratsversammlung abhängig und zudem meist durch Loyalitätszwang gegenüber dem
Maharaja (Großraja) gebunden war.
Vier Königreiche, so erfahren wir aus den Schriften, eine Anzahl von Republiken und
eine Gruppe von Stämmen bestimmten um das 6. Jhr. v. Chr. das politische Bild
der mittleren Gangesebene.
Nördlich
des Ganges-Stromes lag das mächtige Königreich Kosala mit der Hauptstadt
Savatthi, zu Lebzeiten des Buddha nacheinander beherrscht von den Königen
Mahakosala, Pasenadi und Vidudabha. Südwestlich von Kosala war das kleine
Königreich Vamsa (oder Vacca) mit der Hauptstadt Kosambi. In Kosambi regierte
König Udena. Das Avanti-Reich ersteckte sich unterhalb von Vamsa und Kosala
südlich der Ganga. Avanti lag außerhalb des Gebietes, das der Buddha auf seinen
Wanderungen berührte, wurde aber später von seinem Jünger Mahakaccana besucht.
Schließlich das weit dahinziehende Königreich Magadha, das sich im Osten an
Avanti anschloß. In Rajagaha, der Hauptstadt, residierten in der Folge die
Könige Bhati, Bimbisara (der mit einer Schwester des Kosala-Königs Pasenadi
verheiratet war) und Ajatasattu.
Neben
diesen vier Königreichen gab es mehrere Republiken, alle östlich von Kosala und
nördlich von Magadha gelegen. Bei ihnen handelte es sich um
aristokratisch-oligarchisch geleitete Staatswesen mit einem Raja
an der Spitze, der den Vorsitz in der Ratsversammlung hatte. Die Republiken
werden nach dem Adelsstamm bezeichnet, der die Regierungs- und
Verwaltungsgeschäfte führte.
Die
Republik der Sakyer, deren Hauptstadt Kapilavatthu und deren Raja Suddhodana (der Vater des Bodhisatta) war und deren einstiges
Terretorium heute von der indisch-nepalischen Grenze durchschnitten wird,
schloß sich nordöstlich an das Königreich Kosala an und stand zu diesem in
einem Suzeränitatsverhältnis. Dem Sakyer-Adel entstammte der Buddha. Ferner die
recht ausgedehnte Malla-Republik, die zwei Rajas besaß, welche in den
städtischen Zentren Pava und Kusinara ansässig waren. Und die Republik der
Licchavi mit der Hauptstadt Vesali und die Republik Videha mit der Hauptstadt
Mithila, zu der zeitweilig noch einige Stämme gehörten.
Die
Stämme bildeten neben den Monarchien und Republiken eine dritte Gruppe von
Staatswesen. Zwischen den Königreichen, Republiken und Stämmen gab es zwar
gelegentlich Meinungsverschiedenheiten - meist um Wassernutzungs- und
Weiderechte -, die Grundstimmung war jedoch die der friedlichen Koexistenz.
Ohne Behinderung konnte jeder die Grenzen zwischen den verschiedenenStaatsgebilden überschreiten.
Eine Vorstellung von der Größe der von Suddhodana verwalteten Republik vermittelt uns der Chinese Hsüan-tsang. Das Sakeyer-Gebiet, so schreibt er, habe einen Umfang von 4000 Li = etwa 1880 km gehabt und zehn - von ihm im 7. Jahrh. n. Chr. zerstört und verlassen vorgefundene - Städte eingeschlossen. Aufgrund weiterer Angaben Hsüan-tsangs ergibt sich eine Grundfläche von etwa 2000 qkm, von denen ein erheblicher Teil Dschungel und landwirtschaftlich ungenutzt war. Die Gesamtbevölkerung betrug etwa 180000 Menschen. Zu den Pflichten des Raja Suddhodana gehörte es, öffentliche Arbeiten wie den Bau von Straßen, Karawananrastplätzen, Bewässerungsteichen, Stausystemen und Brunnen zu veranlassen. Ferner das Einziehen der Steuern. Und er hatte diplomatisch tätig zu sein. Insbesondere hatte er den Kontakt zu dem in Savatthi residierenden Kosala-König zu pflegen, der die Oberherrschaft über die Sakeyer-Republik ausübte.
Zeit
Die Zeit,
in welcher der Buddha geboren wurde, war jene Periode, die der deutsche
Philosoph Jaspers die Achse der Weltgeschichte nennt, nämlich jene Zeit, in
welcher im Osten und im Westen die Grundlagen der heutigen Kultur gelegt
wurden. Im Osten wirkten um jene Zeit in China Laotse und Konfutse, im Westen
lebten in Griechenland Heraklit und Parmenides. Die Mehrheit der westlichen
Indienhistoriker hält das Jahr 563 v. Chr. als Geburtsjahr des Buddha für das
früheste sicherste Datum der indischen Geschichte. Berechnungsgrundlage sind
dabei aber mehrdeutige Angaben aus der Zeit Kaiser Asokas, auf Grund deren man
zurückrechnete. Jedenfalls ist das
Geburtsjahr des Buddha nicht völlig zweifelsfrei feststellbar - was aber seit
2500 Jahren die Nachfolger nicht gehindert hat, ihm nachzufolgen. Der
Geburtsmonat ist Vesak, was etwa unserem April/Mai entspricht.
Familie
Dem
Herrscherhause der Sakyer entstammten beide Eltern des Buddha. Das Geschlecht
nannte sich Gotamiden und leitete seine Abstammung von einem Seher Gautamas
her; sie wurden auch aus mythologischen Gründen Sonnensöhne genannt. Daher
kommt es, dass der Buddha den Geschlechtsnamen Gotamo trägt und oft auch
metaphorisch als Sonnensohn (adicca-bandhu) bezeichnet wird. Die Gotamiden
gliederten sich in zwei Zweige, nämlich denjenigen von Kapilavatthu und
denjenigen von Devadaho. Beide Orte waren über 100 Kilometer voneinander
entfernt. Beide Zweige pflegten seit längerer Zeit untereinander zu heiraten.
Der Vater
des Buddha hieß Suddhodano, d.h. 'reiner Reis'. Es bedeutet, dass er reinen
Reis spenden, freigebig sein sollte. Darum hatten seine Eltern - die Großeltern
des Buddha - ihm diesen Namen als Programm gegeben, und er hatt seinem Namen
Ehre gemacht. Als Präsident der Republik, der das Raja-Amt inehatte, war er ein
beliebter Herrscher. Suddhodano war mit zwei Schwestern aus Devadaho
verheiratet, von denen die ältere, Maya mit Namen, seine Hauptgattin war und
die Mutter Siddhatthas, des Buddha wurde. Suddhodanas zweite Gattin,
Mahapajapati, schenkte zwei Kindern das Leben, dem Sohn Nanda, der einige Tage
nach seinem Halbbruder Siddhattha auf die Welt kam, und der Tochter
Sundarinanda. Über die Eigenschaften der Mutter des Buddha heißt es im
Lalitavistara Kap. 3: "Sie zeichnet sich aus durch ungebrochen gute
Lebensführung, ist von hoher Geburt, edler Abstammung, von vollendet schöner
Gestalt, von gutem Ruf, schlanken Wuchses, sie hat noch nicht geboren, ist
tugendhaft, geübt im Loslassen, heiteren Antlitzes, ehrerbietigen Benehmens,
sie ist klug, wohlerzogen, geschickt, vielerfahren, gut unterrichtet, ohne
Falsch, ohne Arglist, nicht zornig, neidlos, ohne Missgunst, nicht wankelmütig
nocht leichtsinnig, nicht geschwätzig, voll Geduld und sanfter Anmut, hat Scham
und Scheu vor Üblem. Sie ist ohne viel Gier, Hass und Verblendung. Ihrem Gatten
treu ergeben, im Besitze aller Kennzeichen von Tugend."
Aber die
familiäre Abstammung, die Ahnenreihe des Buddha lässt sich auch noch tiefer und
vergeistigter sehen. In solchem tieferen Sinne ist der Buddha der Nachfolger
der früheren Buddhas, der "Erbe" und Fortführer des Buddha Kassapo
aus der Frühzeit unseres Weltzeitalters.
Der
historische Buddha Gotamo ist durchaus nicht der einzige Vollkommen Erwachte,
von dem berichtet wird. In der engeren Überlieferung der Lehrreden werden sechs
Vorgänger "unseres" Buddha erwähnt, die außer der gemeinsamen
Eigenschaft als Vollkommen Erwachte einige individuelle Besonderheiten
aufweisen. Das Erscheinen eines Vollkommen Erwachten ist aber von einer
Seltenheit, die zu umschreiben unsere Zeitvorstellungen kaum ausreichen. In
unserem gegenwärtigen Weltzeitalter (als Weltzeitalter = Pali: Kappa, bezeichneten die
alten Inder die Zeit vom Entstehen und Auseinanderballen bis zum
Sich-wieder-Zusammenballen, bis zum Zusammenbruch eines Kosmos, ähnlich dem
griechischen Begriff Äon) sind vor dem Buddha Gotamo bereits drei Erwachte
erschienen, aber vorher waren dreißig Äonen leer von Vollkommen Erwachten, bis
im Laufe des 31. Äon wieder zwei Buddhas lehrten und davor waren gar 60 Äonen
ohne solchen Lehrer bis zurück zum 91. Weltzeitalter, in welchem der Buddha
Vipassi lehrte. Das bedeutet: In jenen Äonen ohne einen Vollkommen Erwachten
gab es für die Menschen keine Heilslehre, keine Heiligkeit, kein Erwachen aus
dem Leiden - es gab höchstens einige Einzelerwachte. Ob in einem Äon ein
Vollkommen Erwachter erscheint oder nicht, das ist das wichtigste Phänomen. Und
in dieser Hinsicht wird unser Äon das glückliche genannt, weil darin bereits
vier solche Lehrer erschienen sind und ein fünfter angekündet ist.
|