Die haus- und besitzlosen Pilger und Yogis, die das Asketentum als Form gewählt hatten, zogen damals wie heute zu Tausenden über die Straßen Indiens.

 

An der Spitze der Gesellschaft zur Zeit des Buddha standen die Brahmanen, die Priesterkaste. Neben den brahmanischen Gurus gab es  spirituelle Lehrer, die als Samanas (Pilger oder Wanderer) bekannt waren. Sie entsagten der Gesellschaft und lebten als wandernde Asketen.

Unter ihnen waren alle Grade von Menschen, vom dumpfen, arbeitsscheuen Bettler, vom abenteuerlustigen Leichtfuß bis zum ernsthaften Sucher und zum erfahrenen Mystiker. Die Pilger zur Zeit des Buddha kamen zum allergrößten Teil aus der Priesterkaste, deren ursprüngliches Ziel eben die Weltüberwindung war, die nach Brahma strebten. Brahma, Brahmane, brahmanischer Asket, Asket: das war damals ein Komplex. Daher wird in den Texten immer wieder von samana-brahmana (Asket und Priester) gesprochen, wenn der religiöse Mensche bezeichnet wird. Die meisten Pilger, die zum Orden des Buddha kamen, waren zuvor Brahmanen gewesen.

Aber ebenso wie die Priesterkaste zu Zeiten des Buddha ihrem Ziel untreu geworden war, so auch hatten sich die Asketen in extreme Ansichten verrannt, und nur selten noch gab es wenigstens eine relativ rechte Anschauung unter ihnen in klarer Form. Daneben gab es nur die Selbstquäler, wie Feueranbeter, Nacktgänger, Flechtenträger, Jinas - und nur wenige der Entrückung Mächtige wie Bavaris Jüngerschar.

So ergab sich hinsichtlich der Pilger ein widerspruchvolles Bild: Einerseits waren sie, weil sie dem Genuss entsagt hatten, der Lehre zum Teil besonders nah; aber andererseits waren sie, weil sie so viel Zeit hatten, extreme Ansichten auszubilden, der Lehre besonders fern. Aus der großen Zahl von Samana Lehrern hatten sich sechs als besonders einflussreich herauskristallisiert.

  1. Purana Kassapa (Er vertrat zwar die Auffassung der Fortexistenz, aber die Verknüpfung der diesseitigen Saat mit der jenseitigen Ernte leugnete er. Die Wesen könnten zu ihrer Erlösung nichts beitragen, sondern haben sich ins Fatum zu fügen und ergeben auf ihr Heil zu warten. Er soll nach zwölf Jahren Askese in Savatthi gestorben sei.)
  2. Makkhali Gosala (König Ajatasattu gibt dem Buddha bei einer Gelegenheit eine Zusammenfassung dieser Lehren: "... es gibt weder Grund noch Ursache für die Reinheit der Wesen... alle Wesen, Geschöpfe und Seelen sind nicht durch ihren Willen, ihre Kraft usw. sondern infolge von Schicksalsbestimmung, elterlicher Zeugung und Entwicklung zu ihrer jetzigen Daseinsform herangereicht. Jedem ist vom Schicksal auch die Menge seines Glücks und Leidens zugemessen." Insbesondere die Kriegerkaste fühlte sich von diesem Fatalismus angesprochen. Der Buddha nannte diese Lehre die verderblichste aller Irrlehren.
  3. Ajito Kesakambala (Er vertrat eine nihilistisch-materialistische Lehre. Der Mensch ist aus den vier großen Elementen gebildet. Stirbt er, verfällt seine Materie der Erde, seine Flüssigkeit dem Wasser, seine Temperatur dem Feuer, sein Hauchiges der Luft, seine Sinnesfähigkeit dem Raum. Ein Jenseits gibt es nicht, ebenso keinen Heilsweg.)
  4. Pakudho Kaccayana (Einen Antinomianismus, eine "Lehre gegen das Gesetz" vertrat dieser Asket. Er anerkannte sieben Grundstoffe, aus denen alles Bestehende zusammengesetzt sei: Erde, Wasser, Feuer, Luft, Glück, Leiden und die Seele.)
  5. Sanjayo Belatthaputta (Er beschrieb sich im Dialog mit König Ajatasattu als Skeptiker und Agnostiker, der alle Thesen von sich wies, die nicht durch Wahrnehmung oder Erfahrung erhärtbar sind.)
  6. "Nigantha" Nathaputta (Auch Mahavira genannt, er gründete die Sekte der Jainas. Durch eine Erleuchtung nach 12 Jahren Heimatlosigkeit wurde er zum Jina (Sieger). Für seine Anhänger galten strenge Regeln. Vollkommenheit und Erlösung besteht in der Freisetzung der Seele, in der Wiederherstellung der Reinheit des Atman. Die Erlösten leben nach dem Tod in einem Paradies über dem Universum.)

Der Buddha sagte, der Anhänger einer falschen Lehre fahre besser, wenn er ihr nur lässig nachfolge, und er führte für andersfährtige Pilger im Orden eine viermonatige Probezeit ein.

Im Kanon wird zum Beispiel berichtet, wie der Erhabene von Rajagaham nach Nalanda die Landstraße entlangwandert, mit einer großen Schar Mönche zusammen, "aber auch Suppiyo der Pilger war die Landstraße entlanggewandert, mit seinem Lehrknaben Brahmadatto, einem jungen Priester. Da hatte dann Suppiyo der Pilger auf mancherlei Weise über den Erwachten ungünstig gesprochen, über die Lehre ungünstig gesprochen, über die Jüngerschaft ungünstig gesprochen, wohingegen des Pilgers Lehrknabe, Brahmadatto auf manscherlei Weise über den Erwachten, die Lehre und die Jüngerschaft günstig gesprochen hatte. So waren also diese beiden, der Meister und der Schüler, während einer dem anderen gegenüber das Gegenteil behauptete, dem Erhabenen Schritt um Schritt nachgefolgt und der Schar der Mönche."

Dann wird berichtet, wie alle ein Nachtlager nehmen und am anderen Morgen, vor Sonnenaufgang, die Mönche im Säulenhofe Platz nehmen und darüber diskutierten, wie vom Erhabenen der Wesen verschiedenartige Zuneigung so deutlich vorhergesehen wurde. Später kommt der Buddha dazu und erklärt den Mönchen, dass sie weder betroffen, wenn jemand ungünstig über sie spricht, noch erfreut, wenn jemand günstig über sie spricht, zu sein haben.

Im Kanon wird auch sehr häufig berichtet, wie der Erwachte morgens vor dem Almosengang zu den Klöstern und Gärten der andersfährtigen Pilger ging und mit ihnen diskutierte, und das Gleiche taten auch seine Mönche, ja sogar seine im Haus lebenden Anhänger. Und manchmal ging er auch abends nach Aufhebung der Gedenkensruhe zum Gespräch dorthin: Dabei heißt es dann, dass beim Herannahen des Buddha oder seiner Jünger der jeweilige Asketenführer sprach: "Seid nicht so laut, ihr Lieben, macht keinen Lärm, ihr Lieben: Da kommt der Asket Gotamo heran. Und er liebt nicht lauten Lärm, dieser Ehrwürdige, Ruhe preist er. Vielleicht mag ihn der Anblick einer lautlosen Versammlung bewegen, seine Schritte hierher zu lenken."

Seltener kamen ihm die Pilger kritisch entgegen. Da war jener Pilger Magandiyo, der den Buddha als "Kernhauer" schalt, weil er als solcher gegen seine Satzungen vorginge. Oder der Pilger Nigrodho meinte übermütig: "Gleichwie etwa eine einäugige Kuh an der Weidegrenze herumstreicht und nur abgelegene Orte aufsucht, ebenso nun auch ist der Geist des Asketen Gotamo in der öden Klause benommen, er ist der Gesellschaft entfremdet, kann gar nicht Gespräche führen, darum eben liebt er abgelegene Orte."

Nigrodho bereute aber dann diese Äußerung, und der Erwachte bot seiner Schar an, es nur für sieben Tage mit dem Ordensleben zu versuchen. Dabei spreche er nicht so, weil er Jünger werben wolle. Wer ihr Meister sei, der solle es bleiben, und was ihre Regel sei, das sollten sie bewahren, und was sie als heilsame Askese betrachteten, das sollten sie auch behalten dürfen. Er machte ihnen also ein einmaliges und ungewöhnliches Sonderangebot, indem er sie als Mönche zulassen wollte ohne Verpflichtung zu seinen Regeln. Aber keiner ging darauf ein, stumm blieben sie sitzen.

Sonst waren es nur die Jinas, die den Buddha grundsätzlich ablehnten, und im Übrigen war es nur manchmal der Neid der Andersfährtigen, der sie zu Gegnern machte.

Auch der Buddha äußerte nur selten Kritik an den Pilgern, eigentlich nur an Makkhali Gosalo, dem Fatalisten, den er als Unheilsbringer anprangerte, weil Fatalismus jedes Streben lähmt.

Ihm hält er ausdrücklich entgegen, er sei wie alle vergangenen und künftigen vollkommen Erwachten "ein Lehrer des Wirkens, der Tat, der Willenskraft." (Wie oft ist dies im Abendland übersehen worden!) Als einmal ein Pilger bei ihm Aufnahme begehrte, obwohl er nur die Lehre kennenlernen wollte, um sie seinen Brüdern mitzuteilen, damit sie mehr Ruhm ernteten, nahm er ihn trotzdem auf und führte ihn zum Besseren. Und als einmal ein Mönch austrat und zu anderen Pilgern übertrat, dabei überall äußernd, weil er die Lehre kenne, sei er ausgetreten, da ging der Buddha zu ihm und erklärte sich bereit, ihm zu erklären, was ihm noch an Verständnis fehle. Nach dem Gespräch schämte sich jener und fühlte sich vor seinen Mitpilgern blamiert.

Sehr häufig kamen Pilger mit ihren Fragen und Problemen heran. Und nachdem der Buddha ihre Fragen beantwortet hatte, traten sie in seinen Orden über, und manche wurden Geheilte wie der Hundelehrling Seniyo, wie der berühmte Vachagotto (Majjhima Nikaya 73), wie der Nackgänger Kassapo.

Noch weit mehr der Pilger aber wurden Anhänger, das heißt sie blieben Asketen, traten aber noch nicht in den Orden ein, dessen strengere Ordnung für sie noch nicht möglich war. Wieder andere Pilger blieben, was sie waren, wurden aber der Lehre zugeneigt und gewannen Achtung vor dem Buddha. Der Pilger Sandako ermunterte sogar seine Anhänger, in den Orden des Buddha einzutretem, er selber aber - so gestand er ehrlich - hänge zu sehr an Gaben, Ehre und Ruhm. Der Pilger Sakuludayi wollte Buddhamönch werden, aber seine Leute hielten ihn davon ab, weil er ihr Meister sei.

So nahm sich der Buddha der Pilger, die gleich ihm ausgezogen waren, den Frieden zu suchen, in sehr vielfältiger, auf ihre Eigenarten einfühlend eingehender Weise an, wo es nur irgend sinnvoll erschien. Und gerade bei ihnen wartete er oft nicht, bis sie zu ihm kamen, sondern suchte sie selbst auf, um ihnen die Wahrheit zu bringen.