Das goldene Rad des Dhamma und zwei Hirsche symboloisieren den ersten Akt der Unterweisung durch den Buddha im Wildpark von Sarnath.

 

Wie ist die Haltung des Buddha zu den Tieren? Am kürzesten umrissen ist sie mit dem Wortlaut der vom Erwachten gegebenen Tugendregel:

"Ohne Stock, ohne Schwert, fühlsam, voll Teilnahme

hegt er zu allen lebenden Wesen Liebe und Mitleid."

Der westliche Mensch wird in der Regel in der Auffassung erzogen, er sei von Gott als "Krone der Schöpfung" erschaffen worden, ihm sei die Welt gegeben. Tiere, Wald und Feld stünden zu seiner Verfügung, er könne damit schalten und walten, wie er es für richtig halte. So sagt Martin Luther:

"Alle Meere und Wasser sind unser Trinkkeller; alle Wälder und Hölzer sind unsere Jägerei... Denn es ist alles um unser, der Menschen willen geschaffen." (Tischgespräche)

Die Aussagen des Erwachten sind sehr anders. Er sagt in Samyutta Nikaya 15,13:

"Unausdenkbar ist diese Wandelwelt, ein Anfangspunkt ist nicht zu erspähen bei den wahnbefangenen Wesen, die durstverdungen umherwandeln, umherkreisen. Was ihr auch erblicken mögt an Übelgewordenem, Übelgeratenem oder Wohlbefinden, Wohlgedeihn, als gewiss kann gelten: 'Auch wir haben solches erfahren auf dieser langen Laufbahn...'  Lange Zeit habt ihr, Mönche, als Rinder und Kälber, als Büffel und Büffeljunge, als Böcke und Ziegen, als Rehe und Hirsche, als Schweine und Ferkel, als Hühner, Tauben und Gänse bei eurer Abschlachtung wahrlich mehr Blut vergossen, als Wasser in den vier großen Weltmeeren enthalten ist."

Der Hinblick auf den Kreislauf der Wesen zeigt deutlich, dass es keine Herrscher im Bereich des Lebens gibt. Alle Wesen sind durch ihr Wirken das geworden, was sie sind, auch die höchsten Götter. Und es gibt kein Lebewesen - in dem uns zugänglichen Bereich vom winzigsten Käfer bis zum riesigen Elefanten oder in jenseitigen Bereichen vom niedrigsten Lebewesen bis zum höchsten -, das sich nicht auf dieser endlosen Wanderung befindet. Der Durst rast und wandelt sich dauernd, und je nach dem gewandelten Durst wird eine neue Daseinsform ergriffen. Es gibt nach dem Erwachten keine Lebensform, von der niedrigsten bis zur höchsten, in der nicht jeder Mensch schon unzählige Male gelebt hätte. Was ihm auch an "Würdigem und Unwürdigem" begegnet - jede Mücke, jeder Wurm, jedes kleine erbärmlichste Tier, alles dies ist auch er unendlich oft gewesen auf der langen Daseinswanderung, ebenso wie alle diese Wesen schon unendliche Male Mensch gewesen sind. Darum kommt es gar nicht darauf an, in welcher Gestalt man sich gerade vorfindet in diesem unendlichen Kreislauf. Wollte man die Wesen ausnützen, die jetzt gerade weniger Kraft haben als man selber, dann ist man sehr bald selbst wieder derjenige, den die anderen ausnützen. "Tat tvam asi - das bist du", so zeigt der Buddha das richtige Verhältnis zu den lebenden Wesen.

Diese Geisteshaltung und Herzverfassung ist das Entscheidende. Darauf beruht zum Beispiel die Weisung des Buddha an seine Mönche, auch nicht einmal eine Ameise zu töten. Im Kanon sind aus der Ordensgeschichte nur zwei Fälle überliefert, in denen Mönche ein Tier töteten (eine Krähe und eine Gans), und in beiden Fällen tadelte der Buddha die Täter erheblich.

Vor allem aber wandte sich der Buddha gegen Tieropfer. Und er berichtete, dass in der Frühzeit der Menschheit gar keine Tiere getötet worden seien; als aber die Brahmanen die Tieropfer eingeführt hätten, da seien viele schlimme Folgen eingetreten:

"Der Übel gab es drei zuvor, Begierde, Hunger, Greisentum, doch als man Rinder niederschlug, entstanden achtundneunzig neu." (Sutta-Nipata 311)

Immer wieder nahm der Buddha die verschiedenen Begebenheiten zum Anlass, um die Menschen - Mönche und die im Hause Lebenden - daran zu erinnern, dass auch die Tiere fühlende Mitwesen sind, die wie jedes Wesen Qual scheuen und Wohl suchen.

Einst wurde dem Erhabenen berichtet, dass ein Mönch an einem Schlangenbiss gestorben sei. Der Buddha erklärte, dies sei nur möglich gewesen, weil der Mönch nicht mit liebendem Gemüt die Schlangen durchstrahlt habe, und er gab jene berühmten Verse, die noch heute allenthalben in Südasien als Schutz (Paritta) rezitiert werden:

"Die Wesen all, die atmen hier,

Geschöpfe aller, jeder Art:

Es möge ihnen wohlergehen,

nichts Böses widerfahren je."

Mit dieser Macht der Liebe zähmte der Buddha einen wilden Elefanten, den Devadatto in mörderischer Absicht gegen ihn losgelassen hatte: Er durchstrahlte das rasende Tier so grenzenlos mit Liebe, dass es auf der Stelle still und sanft wurde.

Als er bei einer Wanderung mit seinen Mönchen sah, wie ein Fischer einen Fisch nach dem anderen totschlug und verkaufte, ließ er seine Mönche halten, setzte sich am Weg nieder und belehrte sie, dass ein Fischer oder Schlachter, Vogelsteller oder Jäger, ganz zu schweigen vom Menschenmörder, der anderen Wesen bösen Gemütes auflauere, für lange Zeit Unheil über sich bringe.

Ein anderes Mal schilderte der Erwachte, wie unbarmherzige Schlachter, Vogelsteller, Jäger und Tierbändiger zur Hölle gelangten und danach ein elendes, gespensterhaftes Dasein führten. Als Mahamoggalano ihm berichtete, dass er selber mit dem visionären Auge solches gesehen habe, erwiderte ihm der Buddha, dass auch er dergleichen sehen könne, aber es sei unnütz, anderen davon zu erzählen, denn sie würden es nicht glauben, und der Unglaube würde sie belasten.

So lenkt der Buddha immer wieder die Aufmerksamkeit auf die ehernen Gesetze der Existenz, die Folgen des Wirkens, hin.

Er zeigte die Tierheit als eine der fünf Daseinsstätten, in denen der Mensch wiedergeboren werden kann. Ihr Leiden vergleicht der Buddha mit einem Jauchepfuhl, in den ein Mann hineinstürzt, weil insgesamt die Leiden der Tierheit so unbeschreiblich sind, dass Worte sie schwerlich schildern können. So weckt er bei den Menschen auch gegenüber den Tieren das tiefe Mitempfinden mit den leidenden Wesen.

Der Hofarzt des Erhabenen, Jivako, sprach einmal: "Gehört habe ich solches, o Herr: 'Um des Asketen Gotamo willen rauben sie das Leben, und der Asket Gotamo nimmt wissentlich das eigens für ihn bereitete Fleisch an!'  Die da solches sagen, o Herr, haben die wirklich des Erhabenen Worte gebraucht?"

Der Erhabene erwiderte ihm, dass diejenigen, die solches sagen, nicht seine Worte gebraucht haben und ihn also ohne Grund und mit Unrecht angeführt haben.

Er erläutert den Almosengang der Mönche: "Drei Fälle gibt es Jivako, wo ich sage, Fleisch ist nicht zu nehmen: besehn, gehört, vermutet. Das sind Jivako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist nicht zu nehmen. Drei Fälle gibt es, Jivako, wo ich sage, Fleisch ist zu nehmen; unbesehn, ungehört, unvermutet. Das sind, Jivako, die drei Fälle, wo ich sage, Fleisch ist zu nehmen."

Der Erwachte schildert dann weiter, wie ein Mönch in der Umgebung eines Dorfes weilt. "Liebevollen Gemütes weilend strahlt er nach einer Richtung, dann nach einer zweiten, dann nach der dritten, dann nach der vierten, ebenso nach oben und nach unten: überall in allem sich wiedererkennend durchstrahlt er die ganze Welt mit liebevollem Gemüte, mit weitem, tiefem, unbeschränktem, von Grimm und Groll geklärtem. Und es sucht ihn ein Hausvater auf ... und bittet ihn, am nächsten Tag bei ihm zu speisen... es bedient ihn der Hausvater mit ausgewählter Almosenspeise. Da denkt der Mönch nicht: ' Schön, wahrlich, ist es von diesem Hausvater, mich mit ausgewählter Almosenspeise zu bewirten, ach wenn mich doch dieser Hausvater auch fernerhin mit ebensolcher ausgewählter Almosenspeise bewirten möchte!' Er nimmt diese Almosenbissen unverlockt, unverblendet, nicht hingerissen, das Elend sehend, der Entrinnung eingedenk, ein. Was meinst du wohl, Hausvater, hat etwa da der Mönch bei dieser Gelegenheit eigene Verletzung im Sinne, oder hat er anderer Verletzung im Sinne, oder hat er beider Verletzung im Sinne?"

"Das nicht, o Herr!"

"Nimmt also, Jivako, nicht der Mönch bei dieser Gelegenheit eben untadelhafte Nahrung ein?"

"Allerdings, o Herr!"

Und dann gibt der Buddha an, wie der Hausvater sich richtig verhält:

"Wer da, Jivako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu fünf Malen schwere Schuld. Weil er da also befiehlt: 'Geh hin und bringe jenes Tier dort herbei!', darum erwirbt er zum erstenmal schwere Schuld. Weil dann das Tier, zitternd und zagend herbeigeführt, Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum zweitenmal schwere Schuld. Weil er dann spricht: 'Geh hin und töte dieses Tier!', darum erwirbt er zum drittenmal schwere Schuld. Weil dann das Tier im Tode Schmerz und Qual empfindet, darum erwirbt er zum viertenmal schwere Schuld. Weil er dann den Vollendeten oder des Vollendeten Jünger ungebührend laben lässt, darum erwirbt er zum fünftenmal schwere Schuld. Wer da, Jivako, um des Vollendeten oder Vollendeten Jüngers willen das Leben raubt, der erwirbt zu diesen fünf Malen schwere Schuld."

"Wunderbar, o Herr, außerordentlich, o Herr! Gebührende Nahrung, wahrlich, o Herr, nehmen die Mönche ein. - Vortrefflich, o Herr, vortrefflich, o Herr! Als Anhänger möge mich der Erhabene betrachten, von heute an zeitlebens getreu."