Das Rad der Lehre wird in Bewegung gesetzt.

Dhammacakkam pavattetum.

 

Es wird berichtet, dass der Erwachte nach der Erlösung tief aufatmend diesem Wohl Ausdruck gegeben hat:

"Endlosen Lebens Seinsformen hab immer wieder ich durchirrt, den suchend, der dies Haus erbaut, leidvoll ist stets erneutes Sein. Erkannt bist Hauserbauer du, nicht mehr wirst du das Haus erbaun! All deine Balken sind zerstört, vernichtet ist das ganze Haus, vernichtungsselig hat das Herz des Durstes Aufhebung erreicht."

Er saß in derselben Stellung, in welcher er sich am Abend des vorangehenden Tages mit gekreuzten Beinen im Lotossitz unter dem Bobaum niedergelassen hatte, dort volle sieben Tage, ohne sich von der Stelle zu rühren, ohne Unruhe, ohne Regung, ohne Bedürnis nach Veränderung, so den Zustand der Erlösung verkörpernd.

Danach begab er sich zu einem anderen Baum, einer Luftwurzelfeige. Er setzte sich im Lotossitz nieder und empfand für weitere sieben Tage das Glück der Erlösung. Dabei stieg ihm folgender Gedanke auf:

"Erlöst, wahrlich, bin ich von dem so mühseligen Tun; glücklich erlöst, wahrlich, bin ich von dem so mühseligen Tun, das ganz zwecklos gewesen ist. Wohl mir, dass ich standhaft und besonnen achtsam zur Erwachung gelangt bin."

Am Ende der sieben Tage, in welchem der Erwachte bei dem Luftwurzelbaum das Glück der Erlösung empfand, begegnete ihm der erste Mensch (nachdem Maro das erste Wesen gewesen war, dass der Buddha nach der Erwachung gesehen hatte).

Dieser Mensch, ein Brahmane (d.h. ein Priester) begab sich zum Buddha, wechselte höflichen Gruß und freundliche, denkwürdige Worte mit ihm und stellte sich zur Seite hin. Danach fragte er , welches die Eigenschaften eines guten Brahmanen seien. Der Buddha antwortete ihm:

"Wer böse Dinge abgelegt hat als Brahmane,

wer frei von Standesdünkel, frei von jedem Triebe,

wer selbstbeherrscht des Wissens Ende hat gemeistert

und wer den reinen Brahmawandel führet:

Ein solcher Brahmana mag sich mit Recht Brahmane nennen,

ein socher, den nichts in der Welt empört mehr."

So zeigt der Buddha ihm, dass gerade die Eigenschaften, die jener besaß (Standesdünkel und sonstige Triebe, mangelnde Selbstbeherrschung, Sich-Empören) nach dem Zeugnis der Veden den Zustand eines wahren Brahmanen verhindern. Einer, der ans Ende des Wissens gekommen, der ist auch ans Ende der unreinen Eigenschaften gekommen. Das also war die erste Belehrung, die der Buddha einem Menschen gegeben hat, eine Belehrung, die ganz auf die Person zugeschnitten und doch allgemein gültig war. Es mag als Symbol betrachtet werden, dass es gerade ein stolzer Brahmane war, der dem Buddha als erster begegnete: Der Stolz, die Ich-Überzeugtheit erscheint hier als die erste Eigenschaft, die den Menschen an der Erwachung hindert.

In der dritten Woche der Erwachung prasselte ununterbrochen Regen herunter. Eine Gottheit aus dem Kreis der Vier Großen Könige, den den Menschen am nächsten stehenden göttlichen Wesen, griff hier ein und schützte den Buddha. Der Buddha nannte ihm danach die vier Seligpreisungen, die da betreffen: Die Abgeschiedenheit, die Gemütsreinheit und die Seligkeit dessen, der wie Brahma keiner Außendinge mehr bedarf. Als viertes die Seligkeit dessen, der erkannt hat, dass ihn alles Vergängliche nicht treffen kann, dass er ganz unabhängig geworden ist.

Nachdem der Buddha zunächst ein untermenschliches Wesen (Maro) und einen Menschen (den Brahmanen) belehrt hatte, belehrte er hier einen Angehörigen der dritten Gruppe von Wesen, ein übermenschliches Wesen.

In der vierten Woche kamen zwei Kaufleute, Eigner einer Handelskarawane zum Erwachten. Als sie diesen strahlenden, hoheitsvollen Asketen sahen, der ein so mildes und heiteres Antlitz zeigte, da holten sie aus ihren Vorräten den besten Reisbrei und den feinsten Honig und reichten ihn dem Erhabenen dar: Er möge diese Spende von ihnen annehmen, damit es ihnen lange zum Wohle gereichen möge. Und der Erhabene nahm die ihm derart gespendete Nahrung ein. Dann sprach er zu ihnen einen Spruch, der ihre wohlwollende Gesinnung stärkte und sie auf die Götter hinwies, die durch solche Tugend in lichte Welten gekommen seien und deren Hilfe man durch gute Werke und gute Gesinnung erlange. Die Worte des Erwachten tragen sie so, dass sie zu seiner Lehre Zuflucht nahmen. Obwohl damals die eigentliche Lehre des Buddha überhaupt noch niemandem dargelegt worden war. So wurden zwei im Hause Lebende und nicht Asketen die ersten Anhänger des Buddha.

In der fünften Woche dachte der Buddha noch einmal über seinen Weg zum Heil nach und als der Brahma Sahampati im Geist diese Erwägung des Buddha bemerkte, verschwand er aus der Brahmawelt, erschien vor dem Erhabenen und sprach: "So ist es, Erhabener, so ist es, Wohlgegangener." Er fügte hinzu, dass er selber unter dem früheren Buddha das Asketenleben geführt habe und als brahmischer Nichtwiederkehrer unter den Reinhausigen Göttern erschienen war. Bisher hatte sich der Erwachte bei seinen Überlegungen, wie er sich nun nach der Erwachung verhalten werde, fast nur mit seelischen Gegebenheiten befasst. Nun sagte er sich: Nichts Unerfülltes gebe es mehr für ihn zu erfüllen. Allen Wesen, die den Heilsstand nicht erworben haben, sei er an Tugend, Herzensfrieden und Weisheit überlegen. Nur eines kenne er, dem er nicht überlegen sei: Dem Gesetz der Wirklichkeit. Und gerade durch dessen Entdeckung, Anerkennung und Beachtung sei er zu vollkommener Freiheit erwacht.

An dieser Begebenheit zeigt sich das entscheidende Merkmal der Lehre des Erwachten, nämlich, dass sie nichts anderes ist als eine Aufdeckung der Daseinsgesetze, keine willkürliche Konstruktion, kein Dogma, nichts Geschöpftes und Ausgedachtes, sondern nur das Gesetz der Existenz, die Mitteilung der Wirklichkeit selber. Alle Erwachten haben durch die Erwachung das Gesetz der Existenz entdeckt, und durch diese Entdeckung wurde ihr Geist von allen bisherigen Meinungen und Vermutungen völlig frei und damit fähig, eben dieses Gesetz so vollkommen als gültig zur Kenntnis zu nehmen, dass eine der Bezeichnungen des Erwachten lautet: "Dhammabhuto", der Gesetzgewordene. Weil es das Gesetz (Dhamma) gibt, deshalb ist die Entdeckung des Gesetzes möglich und kann ein Buddha erscheinen.

Nach dieser Entdeckung führten ihn seine Gedanken zwangsweise zu der Frage, ob er dieses Gesetz, das zu lehren er fähig war, auch anderen verkünden sollte.

"Entdeckt habe ich diese Lehre, tief verborgen, schwer zu verstehen, still, erhaben, nicht erkennbar auf den Wegen des Denkens, in sich geborgen, nur den Überwindern erreichbar, erfahrbar. Lust aber suchen ja die Menschen, Lust schätzen sie, Lust lieben sie... diesen ist die Tatsache, dass alle Dinge bedingt entstehen, ist das Gesetz der bedingten Entstehung schwer zu sehen und auch die Möglichkeit des Zur-Ruhe-Kommens aller Bewegtheit, das Aufgeben des Ergreifens, die Versiegung des Durstes, die Entreizung, Ausrodung, Erwachung ist von ihnen schwer zu sehen. Wenn ich also die Lehre darlege und die anderen mich doch nicht verstehen, so ist es für mich mühevoll und Anstoß erregend..."

Der Buddha wusste, dass er die von ihm entdeckte Lehre andren mitteilen konnte, weil er im Besitz der fünf Heilskräft auch anderen zum Heil verhelfen konnte. Aber das setzte voraus, dass die anderen Wesen so wie er selber nach Wahrheit und Erlösung strebten und zum Begreifen der Wahrheit fähig waren. Wenn er die Lehre zwar darlegen konnte, aber die anderen gar nicht fähig und bereit waren, sie aufzunehmen, dann scheit die notwendige Konsequenz dieser Erkenntnis, die Lehre nicht darzulegen. Die Vernunft würde es dann verbieten, etwas Nutzloses zu tun. Da ein Geheilter wie der Buddha keinerlei Triebe mehr besitzt, keinen Missionsdrang und keinen Eifer zur Weltverbesserung und Weltbeglückung, deshalb gibt es, solange die Vernunft keinen Nutzen im Lehren sieht, nicht den geringsten Grund, der ihn zum Lehren veranlassen könnte. Er könnte wie in den ersten vier Wochen nach seine Erwachung, befreiten Geistes so oft wie möglich auch leibhaftig das Glück der Erlösung empfinden.

Da erschien erneut jener überirdische Jünger seines Vorgängers, der Brahma Sahampati - diesmal aber nicht, um ihn zu bestätigen, sondern um ihm zu widersprechen.

"Da gewahrte der Brahma Sahampati meines Herzens Erwägung und dachte: 'Verderben, ach, wird ja die Welt, elend verderben, wenn des Vollendeten, Geiheilten, Vollkommen Erwachten Herz zur Selbstgenügsamkeit neigt und nicht zur Darlegung der Lehre.''

Da verschwand nun Brahma Sahampati, so schnell wie etwa ein kräftiger Mann den eingezogenen Arm ausstrecken oder den ausgestreckten Arm einziehen mag, aus der Brahmawelt und erschien vor mir. Da nun entblößte Brahma Sahampati eine Schulter, faltete die Hände zu mir und sprach: 'O, dass doch der Erhabene die Wahrheit über das Gesetz des Lebens offenbare! Es gibt Wesen edlerer Art: ohne Gehör der Wahrheit verlieren sie sich; sie werden die Wahrheit verstehen.''

Als der Buddha die Bitte Brahmas vernommen hatte, da benutzte er seine Geistesmacht, den Wesen unmittelbar ins Herz zu sehen um die Worte des Brahma Sahampati an der Wirklichkeit nachzuprüfen. Er stellte sah, dass es drei Gruppen von Menschen gab, die er in einem Gleichnis mit Lotosrosen verglich. 1. Wesen von der Art, dass sie keine andere geistige Nahrung kennen als die sinnliche Wahrnehmung. Das sind Wesen "gemeiner Art", stumpf, schwer begreifend. 2. Wesen edlerer Art, scharfsinnig, leicht begreifend, die einem Lotos gleichen, der bis zur Wasserobefläche schwimmt, von unten benetzt, von oben trocken, von unten im Dunklen, von oben im Hellen. Das sind Wesen mit guten Fähigkeiten, die sich schon in der rechten Richtung bemühen, die wissen oder ahnen, dass es noch besseres gibt als die Welt der sinnlichen Erscheinungen, und die nur das Richtige ncoh nicht gefunden haben. Sie sind schon aus dem Dunkel aufgetaucht. Sie tun das Gute auch dann, wenn der Buddha nicht lehrt - aber sie werden es aus Unwissen irgendwann wieder verlieren, werden wieder untertauchen, können sich nicht oben halten. Von ihnen gilt das, was Brahma sagte: Ohne Gehör der Lehre verlieren sie sich, mit Gehör der Lehre können sie zum Heil kommen. 3. Und schließlich gibt es Wesen, die über Gut und Böse stehen, wie ein Lotos über dem Wasser - das sind Wesen, wie der Brahma Sahampati zum Beispiel oder wie alle, die in die Heilsanziehung gelangten, die also unverlierbar die Lehre eines früheren Vollkommen Erwachten verstanden hatten.

Allein um die Rettung der zweiten Menschengruppe also ging es; und nachdem der Buddha mit dem Buddha-Auge diese drei Gruppen von Menschen gesehen hatte, da erst stand seine Entscheidung fest:

"Und ich erwiderte nun Brahma Sahampati mit dem Spruch:

'Erschlossen sind zum Todlosen die Tore:

Wer Ohren hat zu hören, komm und höre.

Den Anstoß sehend, wahrt' ich unberedsam

das köstlich Edle vor den Menschen, Brahma.''

Da nun sagte Brahma Sahampati: 'Gewährung hat mir der Erhabene verheißen, die Lehre darzulegen' , begrüßte mich ehrerbietig, ging rechts herum und ward alsbald verschwunden."

(Majjhima Nikaya 26)

Wenn man diesen Bericht überdenkt, dann kann man leicht zu der Annahme kommen, dass der Buddha einzig und allein durch Brahma auf den Gedanken gebracht wurde zu lehren und dass er ohne Brahma eben nicht gelehrt haben würde. Doch würde man dann nicht beachten, dass ein Vollkommen Erwachter ein Wesen ist, das äonenlang ganz stark die Tugenden des Erbamens geübt hat und das in den zweiunddreißig Körpermerkmalen das Siegel davon unverlierbar an sich trägt. Sozusagen mit ganzem Gemüte ist ein solches Wesen geneigt und bis in die letzte Körperzelle hinein fähig und bereit, ein Helfer und Lehrer der Wesen, dein Heiland der Menschheit zu werden. Auch das unvorstellbar große Glück der Erlösung konnte ihn nur einige Zeit lang von seinem Wirken als Wegweiser der Menschen, zu dem er prädestiniert war, abhalten. Seine gesamte Anlage ging darauf hin, die von ihm entdeckte Wahrheit auch anderen zu verkünden. Aber diese Anlage war eben kein Missionsdrang, war kein Trieb - denn wenn er kraft seiner Vernunft sah, dass es keinen Zweck hatte, dann war er ohne Bedauern und Trauer in vollkommen gelöstem Gleichmut sofort bereit und fähig, dieser Anlage nicht zu entsprechen, so wie es oben geschildert ist. Wenn aber der einzige Hinderungsgrund wegfiel, der aus Vernunft, dann konnte er sich der ihm vorgetragenen Bitte um Belehrung gar nicht verschließen, dann musste er notwendigerweise lehren, und nichts konnte ihn aufhalten. Dann zu zögern, wäre nur einem Nichtgeheilten möglich gewesen, der dann aus eigensüchtigen Trieben gehandelt hätte, aus Bequemlichkeit und Mangel an Barmherzigkeit. Wer die Wahrheit kennt und die Fähigkeit zum Lehren hat und wer sieht, dass es Zweck hat, den kann, wenn er triebfrei ist, nicht - am wenigsten "eigener Wille" - davon abhalten, seine Anlage zum Lehren zu entfalten.

Manchen zum begrifflichen Denken Neigenden hat es Schwierigkeiten bereitet, sich einen Buddha vorzustellen, der lehrt, "obwohl" er vollkommen wunschlos geworden ist in dem Wissen, dass alles Erlebte, "Ich" und "Welt", aus Nichtwissen zusammengebraute Erscheinung, Wahrnehmung ist.

Diese Verständnisschwierigkeiten rühren daher, dass die Vorstellung eines lehrenden Buddha zwei ganz verschiedene Dimensionen (Nirvana und Samsara) berührt, von denen dem Unerlösten nur die eine - gerade die durch Wahn bedingte, von einem Erwachten überwundene - zugänglich ist.

Wir müssen uns zunächst bescheiden und von der Basis ausgehen, von der auch der Buddha auf seinem Weg zur Erwachung ausgegangen ist, von unserem Erleben. Und da begegnet uns nicht nur aus einer Fülle von Quellen die Tatsache, dass der Buddha nach seiner Erwachung fünfundvierzig Jahre gelehrt hat, sondern wir finden auch ausdrückliche Erklärungen des Buddha, welche zeigen, dass das Wirken als Lehrer zu dem Phänomen eines Vollkommen Erwachten gehört. So erklärte der Buddha, man möge nicht denken, weil er dies pflege, jenes dulde, anderes meide und wieder anderes bekämpfe, habe er die Beeinflussbarkeit, die Triebe, noch nicht überwunden; gerade weil er sie überwunden habe, verhalte er sich mit Bedacht so.