Vor seinem letzten Erdenleben weilte der Bodhisatta bei den Tusita-Göttern. Der Bereich der Wesen, die dort erscheinen, ist erheblich höher als das Menschentum, ist edler und lichter, aber er gehört noch zur Welt der sinnlichen Vielfalt und noch nicht zur Brahmawelt.

Wenn wir im Westen die Lebensgeschichte irgendeines Menschen beginnen, der uns wichtig erscheint, dann hören wir zuerst den Satz: "Er wurde dann und dann da und da geboren." Das ist der Anfang, der Einsatzpunkt. Weiter zurück reichen bei uns die Lebensbeschreibungen nicht. Das ist in den altindischen Religionen und auch in der Lehre des Buddha anders. Man fasst dort jedes neue Leben als das Produkt früheren Wirkens auf, und so weiß der vom Leben des Buddha berichtende Erzähler, dass sein Leben nur das Endprodukt einer langen Kette von früheren Leben ist, in welchen jene Eigenschaften entwickelt wurden, die ihn dann im letzten Leben befähigten, mit solcher Kraft zur Wahrheit durchzudringen. Und dieser Gedanke lässt den Erzähler stocken.

Er sieht nicht nur ein einziges überschaubares Leben, sondern sieht viele, viele Leben. Er sieht, dass die Lebensgeschichte des Buddha keineswegs mit den überschaubaren Jahren seines Erdenwandels erschöpft ist so wie seine eigene und so wie die seiner Zuhörer. So verweist die Wirklichkeit mit ihrem Gesetz der Kausalität Sprecher und Hörer sofort in eine andere Dimension: Wo Kausalität gilt, da bleibt immer die Frage nach dem ersten Anfang offen. wo die Wiedergeburtslehre mit dem Gesetz von den Folgen des Wirkens, von Saat und Ernte (Karma) gilt, da ist "Anfang" undenkbar. So sieht sich der Erzähler gleich am Beginn unausweichlich mit dem Problem des Anfangs oder der Anfangslosigkeit der Leben konfrontiert. Und indem sich diese Dimension vor seinem geistigen Auge entrollt, mag er erschaudern und ergriffen werden vom Geheimnis der Existenz, von der Frage nach dem Sinn dieses Ganzen und nach seinem Ziel. Damit aber steht man genau vor der eigentlichen Frage des Buddha. Die Frage nach dem Wesen der Existenz, das war die Buddhafrage.

Es ist verständlich, dass manche Erzähler der Versuchung erlegen sind, die früheren Leben des Buddha, z.B. von denen in den Jatakas (Wiedergeburtsgeschichten) berichtet wird,  zu historisieren und einen karmischen Entwicklungsroman zu entwerfen, in welchem das Heranreifen jenes Wesens, das am Ende ein Buddha wurde, geschildert wird. Wer das Karmagesetz anerkennt, für den ist es klar, dass eine solche Entwicklung auch stattgefunden hat, und wer die Fähigkeit der Rückerinnerung an das eigene Leben besäße und die Fähigkeit, mit dem universalen Auge die Leben anderer zu erkennen, der könnte die früheren Leben des Buddha immer weiter in die Vergangenheit zurückverfolgen. Diese Fähigkeit haben aber die Verfasser der klassischen Biographien kaum besessen und so ist der Spekulation Tür und Tor geöffnet. Dem Bedürfnis nach einem Zusammenhang und einer historischen Entwicklung folgend, hat man mancherlei konstruiert. In Wahrheit ist das Problem nur verschoben worden. Denn wo immer man einsetzt und von da an die Entwicklung des kommenden Buddha schildert, da gibt es vor dem Einsatzpunkt doch noch unübersehbar viele Leben. Was bedeutet es denn: Zu einem bestimmten Zeitpunkt sei ein Wesen ein Bodhisatta geworden? Ein Bodhisatta ist ein Wesen, das auf die Erwachung zugeht. Es war also vorher ein solches, das einmal ein Bodhisatta werden wird. Wieweit man auch das Problem zurückschiebt, es gibt immer noch ein "Weiter-Zurück". Damit sind die Schilderungen, die von der Entwicklung des Bodhisatta gegeben werden, nicht hilfreich. Wenn da gesagt wird, dass der Bodhisatta zuerst äonenlang allgemeine Tugenden geübt habe, dann den Wunsch vor einem anderen Buddha äußerte, selbst ein Buddha zu werden, und dann nach zunächst noch eintretenden Rückfällen schließlich ohne Rückfallmöglichkeit geradewegs auf sein Ziel zuschritt, dann sind dies alles keine zeitlich bestimmbaren Stadien, sondern fließende Übergänge.

Die einzige Erwähnung eines Zusammenhanges zwischen dem Vorleben und dem späteren Erdenleben des Buddha bezieht sich darauf, dass er vor seinem letzten Erdenleben bei den Tusita-Göttern weilte. Der Bereich der Wesen, die dort erscheinen, ist erheblich höher als das Menschentum, ist edler und lichter, aber er gehört noch zur Welt der sinnlichen Wahrnehmung und nicht zur reinen Brahmawelt. In jeder Himmelswelt lebte er als eine Gottheit mit dem Namen Sveta-Ketu (Weißes Banner). Er übertraf die anderen Gottheiten (Engel) an Lebenskraft, an Schönheit, an Wohlbefinden, an Ruhm und Selbstbeherrschung. Mit klarem Bewußtsein war er dort geboren worden, hatte es während des langen dortigen Lebens nie verloren.

Bevor er aus dem Tusita-Himmel abschied, überblickte er die Welt in fünffacher Hinsicht.

Sein erster Blick galt der Frage nach der Zeit. Auf Erden war eine Zeit, in welcher die Menschen in ihrer Entwicklung schon so weit gesunken waren, dass sie nicht länger lebten als heute, nämlich nicht mehr als hundert Jahre. Nach der buddhistischen Schau der Geschichte der Menschheit ist diese bisher ein beständiger Abstieg von größeren Höhen gewesen. Von demjenigen Buddha, der in unserem Weltzeitalter dem Buddha Gotamo voranging, nämlich dem Buddha Kassapo, heißt es, dass er zu einer Zeit lebte, in welcher die Menschen zwanzigtausend Jahre alt wurden. Durch alle Kulturen geht noch die Erinnerung an jenes "Goldene Zeitalter", von dem Platon spricht, jenes Zeitalter, in welchem auch nach den Berichten der Bibel die Menschen viel älter wurden. Andererseits vergessen die Menschen in solch einem Zeitalter, was Geburt, Alter und Tod bedeuten und die Lehre eines Buddha über Vergänglichkeit, Leiden und das Nichtvorhandensein einer stofflichen Wirklichkeit könnte auf taube Ohren stoßen. Aber wenn das Leben der Menschen dereinst weniger als hundert Jahre währt, ist die Tugend-Entwicklung ebenfalls so weit gesunken, dass das "Messerstichzeitalter" beginnt, in welchem keine Belehrung durch den Buddha möglich wäre.

Sein zweiter Blick galt dem geeigneten Erdteil. Der Bodhisatta "entschied" sich für denjenigen Kulturraum der Erde, in welchem die Lehre von der Wiedergeburt und Karma am klarsten schon bestand und Jenseitserfahrungen am verbreitetsten waren. So ist es zu verstehen, wenn es heißt, dass alle Erwachten immer nur unter den Daseinsbedingungen Indiens geboren werden.

Drittens war das Land zu wählen. Die Sakyer bildeteten ein kleines Königreich von der Größe des alten Venetien. Das Land bildete ein Mittelding zwischen einem Königreich und einer Adelsrepulik, indem die dortige Dynastie eine Art Wahlmonarchie darstellte.

Viertens die Eltern: Nach der damaligen Standeseinteilung gehörten seine Eltern zum Adelsstand (Kriegerkaste). Er sollte in völlig geordnete Verhältnisse hineingeboren werden, bei einem der anerkanntesten und berühmtesten Adelsgeschlechter, in einem glücklichen und wohlhabenden Land von höchster Kultur. Durch sein eigenes gutes früheres Wirken konnte er nach den Gesetzen geistiger Anziehung und Wahlverwandschaft dort wiedergeboren werden.

Fünftens: Ebenso selten wie ein Buddha ist ja auch die Mutter eines Buddha, d.h. eine Frau mit Eigenschaften, die der Größe ihres Sohnes entsprechen. In der Theravada-Tradition werden diese Eigenschaften unter vier Gesichtspunkten gesehen. 1. In ihrem jetzigen Leben hat sie die fünf Tugendregeln (sila) auch nicht einmal übertreten. 2. Sie hat keinerlei Neigung besessen, mit Alkohol oder anderen Giften ihre Stimmung zu heben. 3. In ihren sinnlichen Neigungen war sie maßvoller als andere Menschen. 4. Vor allem hatte sie, die auch früher schon oft die Mutter des Bodhisatta gewesen war, sich ebenso wie er um die zehn Vollkommenheiten bemüht.

"Die Lebenskraft im Tusita-Bereich war abgelaufen. So entließ der Bodhisatta alle anderen Götter und begab sich, begleitet nur von den Göttern des Tusita-Himmels zum Nandahain in der Tusitahauptstadt, um dort zu sterben. Und während er noch einer Rezitation der Götter über die lange Reihe seiner Verdienste lauschte, begannen seine Blumen zu welken, sein Antlitz wurde bleich, und er verschied aus dem Tusitahimmel, um bei den Sakyas von Kapilavatthu im Schoße der Königin Maya aus dem Hause Gotamo wieder eine neue Existenz zu beginnen."